Freitag, 31. August 2018

Mit Depressionen leben


Toller Artikel über eine junge Frau und ihren Umgang mit dem Thema Depressionen:

Die Depression schlich sich an mich heran ...

Ich erinnere mich heute noch an einen Traum, den ich vor einiger Zeit hatte: Jemand packte mich von hinten, hielt mir ein Messer an die Kehle und befahl mir, nicht zu schreien. Denke ich heute daüber nach, fällt mir auf: Auch meine Depression hat sich langsam und unbemerkt von hinten an mich herangeschlichen. Dann packte sie mich und hielt mir den Mund zu. Auch wenn ich es gewollt hätte, ich hätte nicht schreien können.
Statt zum Arzt zu gehen, stempelte ich meine körperliche und seelische Verfassung als schlechte Phase ab, die schon wieder vorübergehen würde. Ich versuchte, nicht mehr so pessimistisch zu denken und meine Probleme mit Optimismus zu lösen.
Doch es funktionierte nicht. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, meine Gedanken fuhren Karussell. Tagsüber war ich traurig, kraftlos und müde. In mir breitete sich Panik aus, wenn ich das Haus verlassen oder unter Menschen gehen sollte.

Mein Bett wurde zu meinem besten Freund. Nicht nur die Rollladen meines Zimmers waren permanent heruntergelassen, ich hatte auch keinen Zugang mehr zu meinen guten Gefühlen. Mich verließ all mein Mut, all meine Lebensfreude. Auf einmal war ich mit allerlei Ängsten konfrontiert, ich war unruhig, mein Kopf gab keine Ruhe. Ich wurde häufig krank, hatte Schmerzen in Armen und Brust und häufig Herzrasen.
Ich sprach mit niemandem über meinen Kummer, wollte keinen mit meinen "Problemchen" belasten.
Andere Menschen hatten es doch viel schlimmer getroffen, dachte ich. Außerdem schämte ich mich.

Irgendwann wusste ich: Ich brauche Hilfe, wenn ich überleben will

Und so stapelten sich die schlechten Gefühle in mir. Meine Füße fühlten sich an wie Blei und trugen mich nur mit Mühe und Not von A nach B. Ich aß nicht genug, mein Kreislauf versagte immer wieder, und ich funktionierte wie ein Roboter, ohne jegliche Gefühle. Bis zu dem Punkt, an dem nur noch ein Gedanke in meinem Kopf war: „Wenn du überleben möchtest, musst du dir jetzt Hilfe suchen.“
Doch mit großer Überzeugungskraft versuchte die Depression, mich davon abzuhalten. Wie der kleine, rote Teufel, der auf der Schulter sitzt. Er schrie: „Du wirst es niemals schaffen, du bist ein Nichts für diese Welt! Ohne dich wäre sie ein besserer Ort!“ Und ich habe ihm geglaubt.
Meine Depression hat mich zum Schweigen gebracht. Doch da war noch ein wenig Wille und ein letztes bisschen Hoffnung in mir. Mit dem restlichen Lebensmut, der sich vor der Zerstörungswut der Depression in mir versteckt hatte, zog ich mich selbst an den Haaren aus der dunklen Schlucht und suchte mir Hilfe.

Die Therapie half mir auf die Beine

Ich machte eine Therapie, erst stationär, dann ambulant. Wenn ich ein Stück des Wegs nicht selber laufen konnte,  wurde ich hochgezogen und für eine Weile getragen, bis ich wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.
Ich lernte eine Menge über mich selbst: Wer ich bin und was ich möchte. Ich habe gelernt, mich selbst zu verstehen. Und ich bekam Tabletten, die mir das Aufstehen am Morgen und das Schlafen in der Nacht erleichterten.
Es war ein harter Kampf und ist es immer noch. Doch zum ersten Mal seit der Diagnose habe ich es geschafft, die Stimme der Depression in mir leiser zu drehen und ihren Griff zu lockern. Oftmals ist es verführerisch, ihr nachzugeben, doch ich habe etwas ganz Wichtiges begriffen: Sie ist nur ein Teil von mir und nicht ich bin ein Teil von ihr. Die Depression wirft mich nicht mehr nur noch zurück in meinem Leben. Sie spornt mich auch dazu an, jeden Tag das Beste aus dem Hier und Jetzt zu machen und die bestmögliche Version meiner Selbst zu werden.

Und ja, wenn die Stimme der Depression mal wieder lauter wird, ist das auch okay. Denn das gehört ebenfalls dazu: zu lernen, dass auch schlechte Tage in Ordnung sind, sie anzunehmen und gut für sich selbst zu sorgen. Zu akzeptieren, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht ändern kann.

Ich habe gelernt, meine Krankheit zu akzeptieren

Und ich muss mich nicht mehr schämen, zu sagen: „Ich habe Depressionen“. Es ist eine Krankheit, die ich mir nicht ausgesucht habe, und die mich fast mein Leben gekostet hätte. Ich bin dankbar, auf Menschen getroffen zu sein, die meine Erkrankung mit Ernsthaftigkeit behandelt und sie nicht als Schwäche betrachtet haben.
Einmal habe ich zu meiner Therapeutin gesagt: „Sie haben mir das Leben gerettet.“ Sie sagte nur: „Nein, das habe ich nicht. Sie haben sich selbst das Leben gerettet.“
Heute kann ich sagen, dass sie recht damit hatte. Zwar gibt es in meinem Leben trotz vieler Fortschritte einige Einschränkungen, die ich in Kauf nehmen muss. Doch letzten Endes ist es so: In meinem Leben werde ich mit keinem Menschen so viel Zeit verbringen, wie mit mir selbst. Wo ich auch hingehen werde, ich habe immer mich selbst im Gepäck.

 Und die Frage „Wohin gehe ich, wenn ich mich selbst nicht mehr ertragen kann?“, möchte ich mir nicht mehr stellen. Viel lieber sage ich der Depression den Kampf an. Ich gebe ihr nicht mehr die Macht, zu bestimmen, wohin mein Weg führt. Sie wird immer Teil des Rucksacks auf meiner Reise sein. Doch ich habe gelernt, mit ihr umzugehen.

Quelle: https://www.brigitte.de/aktuell/stimmen/mit-depressionen-leben---eine-junge-frau-erzaehlt--wie-ihr-das-gelingt-11253914.html

Mittwoch, 29. August 2018

Soziale Medien + Depression


Erschreckender Bericht:

"Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen"
Etwa jeder zwölfte Jugendliche in Deutschland leidet laut einer neuen Stduie unter depressiven Symptomen. Eine problematische Nutzung sozialer Medien spiele dabei eine Rolle, sagte der Psychologe Lutz Wartberg im Dlf. Auch ein negatives Körperbild könne zu Depressionen führen.
 
Mädchen seien öfter depressiv als Jungen - und ältere Jugendliche eher als jüngere, sagte der Hauptautor der Studie, Lutz Wartberg, im Dlf. Er ist Professor für Gesundheitspsychologie an der Medical School Hamburg. Befragt wurden rund 1.000 zwölf- bis 17-jährige Jugendliche.
Die letzten Zahlen für Deutschland seien mehr als zehn Jahre alt gewesen. Deshalb stelle die neue Studie eine Bestandsaufnahme dar, so Wartberg. Überraschend seien die Ergebnisse aber nicht. Eine Depression zeige sich in Symptomen wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit oder eine reduzierte Fähigkeit, Freude zu empfinden.

"Kontrollverlust" in den sozialen Medien

"Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen", sagte der Forscher. Jedes neunte Mädchen sei betroffen, aber nur jeder 20. Junge. Demnach traten depressive Symptome häufiger in Verbindung mit bestimmten anderen Faktoren auf: etwa einem negativen Körperbild oder einem problematischen Gebrauch sozialer Medien wie Instagram oder Facebook.
Eine problematische Nutzung von sozialen Medien sieht der Forscher, wenn ein "Kontrollverlust" stattfinde, wenn Schulleistungen nachlassen oder soziale Beziehungen an Bedeutung verlieren. Bei der Prävention zum Beispiel an Schulen solle stärker über die Themen Körperbild und soziale Medien gesprochen werden, regte Wartberg an.

Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/depressionen-bei-jugendlichen-maedchen-sind-deutlich.709.de.html?dram:article_id=426626

Montag, 27. August 2018

Burnout wegen fehlender Anerkennung


Einer Umfrage der in der Tech-Szene beliebten App Blind zufolge sehen nur zehn Prozent der Befragten in ihren Firmen keine Burn-out-Auslöser. Als häufigste Burn-out-Ursache gilt Missmanagement.

Erschöpfung, Überforderung, Unzufriedenheit – unter dem Begriff Burn-out werden viele Symptome von persönlichen Krisen zusammengefasst, die jedoch alle in Fehltagen und Arbeitsunfähigkeit enden können. Auch hierzulande ist die Zahl der mit Burn-out-Symptomen diagnostizierten Arbeitnehmer in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Eine Umfrage der besonders bei Mitarbeitern von US-Tech-Konzernen beliebten anonymen Social-Network-App Blind zufolge sehen über 90 Prozent der Befragten in ihren Unternehmen Ursachen für Burn-out bei Arbeitnehmern.

Burn-out-Ursachen: 9.100 Blind-Nutzer aus Tech-Firmen geben Auskunft

Befragt wurden laut dem Blind-Team Mitte August innerhalb von einer Woche über 9.100 Mitglieder der Plattform. Sie hatten die Wahl zwischen fünf vorgegebenen möglichen Burn-out-Auslösern in ihrer Firma: zu viel Arbeit, ein vergiftetes Arbeitsklima, fehlende Kontrolle und Karrieremöglichkeiten, unzureichender Lohn sowie schlechtes Management und nicht klar kommunizierte Ziele. Zudem konnte auch angegeben werden, dass Burn-out in dem jeweiligen Unternehmen kein Problem sei. Das taten immerhin 9,7 Prozent der Befragten.

Die von den meisten, nämlich 22,9 Prozent der Mitarbeiter, genannte Hauptursache für Burn-out-Probleme in der eigenen Firma ist schlechtes Management, also schwache Führungskräfte, die keine klaren Vorgaben machen. 19,4 Prozent der Befragten nannten zudem ein Zuviel an Arbeit als Grund für Burn-out. 17,5 sahen in einem vergifteten Arbeitsklima das Hauptübel. Interessant ist, dass bei Ebay mehr als jeder Dritte (35,04 Prozent) ein Missmanagement beklagt, bei Facebook sind es nur 14,24 Prozent.

Microsoft-Mitarbeiter klagen über niedrigen Lohn als Burn-out-Auslöser

Von den zwei Tech-Konzernen mit den meisten Teilnehmern, Microsoft und Amazon, hat Blind zudem eine eigene Aufschlüsselung angefertigt. Während die Amazon-Mitarbeiter – wie der Durchschnitt – mehrheitlich eine schwache Führung und unklare Vorgaben als Burn-out-Auslöser beklagen (26,8 Prozent), gilt den Microsoft-Mitarbeitern unzureichender Lohn als Hauptgrund für Burn-out (20,7 Prozent).
Zum Anteil der Betroffenen in Tech-Unternehmen hat Blind Ende Mai interessante Umfrageergebnisse veröffentlicht. Demnach leiden in Tech-Unternehmen rund 57 Prozent der Mitarbeiter an Burn-out. An dieser Befragung hatten knapp 11.500 Tech-Angestellte teilgenommen. Besonders groß war der Anteil der Burn-out-Betroffenen demnach bei Credit Karma (70,73 Prozent), Twitch (68,75 Prozent) und Nvidia (65,38 Prozent).

Quelle: https://t3n.de/news/das-ist-die-haeufigste-ursache-fuer-burn-out-in-tech-firmen-1104905/

Sonntag, 26. August 2018

Zwischen Stigma und Tabus


Sehr interessanter Bericht über die Krankheiten der Psyche:

Symptome wie Antriebslosigkeit, Angstzustände oder negative Gedankenspiralen erschweren den Alltag. Dazu kommen körperliche Anzeichen wie Schwindel, Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen und Schlafstörungen. Nichts hilft: kein Urlaub, keine Schokolade oder die gut gemeinten Ratschläge wie „Du musst einfach mal deine Einstellung ändern“. Nach zahlreichen Arztbesuchen könnte die Diagnose wie bei jedem vierten Deutschen eine Erkrankung der Psyche sein. Doch wenn es so viele Betroffene gibt, wieso ist das Thema dann nicht längst präsenter im alltäglichen Dialog sowie den Medien?

Psychische Erkrankungen gehören zum Alltag vieler Menschen dazu, oft unerkannt und unbehandelt oder als Secondhand-Erfahrung durch den Umgang mit betroffenen Freunden und Verwandten. Menschen, die jedoch keine persönlichen Berührungspunkte damit haben, nehmen das Thema vor allem über die Medien und sozialen Netzwerke wahr. Wie kann also mit dem Thema verantwortungsvoll umgegangen werden und welche Aufgabe kommt den Medien bei der Aufklärungsarbeit über psychische Krankheiten zu?
Das Tabuthema
Laut dem Bundesgesundheitsministerium erkrankt fast jeder dritte Mensch im Laufe seines Lebens an einer psychischen Krankheit, die behandlungsbedürftig ist. Auch junge Menschen sind davon betroffen. Der BARMER Arztreport von 2018 zeigt beispielsweise, dass die Zahl der Diagnosen psychischer Krankheiten bei Studierenden zwischen 2005 und 2016 um 38 Prozent gestiegen ist. Tatsächlich gehören seelische Erkrankungen nach Angaben der World Health Organisation (WHO) zu den weltweit häufigsten. Schätzungsweise leiden so rund 300 Millionen Menschen an einer Depression. Aber noch nicht alle Gesundheitssysteme weltweit haben darauf entsprechend reagiert, rund ein Viertel aller Länder hat  laut WHO sogar gar kein auf die Psyche bezogenes Gesundheitsrecht.
Ein weiteres Problem ist die starke Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Krankheiten. Viele Fehlannahmen, die es in der Bevölkerung über die Psychotherapie gibt, tragen dazu bei. Auf der Website des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit wird dies folgendermaßen beschrieben: „Die Ausgrenzung und Diskriminierung psychisch Kranker erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen: Im Rahmen zwischenmenschlicher Beziehungen, am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, durch die Politik, private Versicherungsanbieter oder allein durch eine diskriminierende Darstellung seelisch Kranker in den Medien.“
 
Die richtige Sprache sprechen
Stellen sich Prominente der Öffentlichkeit und berichten über ihre psychischen Probleme oder stirbt eine berühmte Person durch Suizid, so wird in den Nachrichten und auf Online-Portalen viel darüber berichtet – auch weil diese Themen viel Aufmerksamkeit erregen. Nach Untersuchungen der britischen Organisation Mind kann eine häufige und vor allem positive Thematisierung in den Medien dazu beitragen, dass Betroffene sich öffnen, weniger allein fühlen und vermehrt Hilfe suchen. Da Isolation und Einsamkeit viele psychische Krankheiten begleiten, hilft es vielen erkrankten Menschen, zu wissen, dass sie mit ihren Empfindungen nicht allein sind. Andersherum jedoch kann eine weniger gelungene Berichterstattung auch negative Effekte mit sich bringen. „Wenn die ‚wahrgenommene Stigmatisierung‘ – also das Empfinden des Patienten, dass er stigmatisiert wird – steigt, dann sinkt seine Bereitschaft, Hilfe zu suchen oder eine Behandlung fortzuführen“, schildert Professor Andreas Reif, Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Klinikum der Universität Frankfurt, in einem Interview mit der FAZ.
Auf den Internetseiten verschiedener Organisationen oder Initiativen, die sich für Betroffene einsetzen, finden sich Guidelines, wie man in den Medien über feinfühlige Themen wie Suizid, Essstörungen oder andere psychische Krankheiten berichten und welche Sprache beziehungsweise Bilder man benutzen sollte. Unachtsame, sehr grafische Berichterstattung oder die Auswahl ungeeigneter medialer Inhalte kann nachahmendes Verhalten auslösen oder Betroffenen seelisch schaden. Hier empfehlen sich so genannte Trigger-Warnungen, die diese Inhalte im Voraus für Nutzer kennzeichnen. Außerdem kann die mediale Darstellung das Stigma rund um geistige Gesundheit verschlimmern, wenn sie verharmlost, romantisiert, faktisch inkorrekt ist oder Vorurteile füttert. Auch im Alltäglichen werden Worte wie „paranoid“, „schizophren“ oder „geisteskrank“ häufig als Beleidigung und im falschen Zusammenhang verwendet. Dieser Wortgebrauch trägt stark zur Stigmatisierung bei und sollte in den Medien nicht leichtfertig nachgeahmt werden, egal wie verlockend eine reißerische Überschrift auch sein mag.
Der Mythos Geisteskrankheit in Film und Fernsehen
Zwangsjacke, Elektroschocktherapie, Sicherheitszellen oder der irre Killer im Horrorstreifen – da psychische Erkrankungen für Nicht-Betroffene schwer nachvollziehbar sind, ranken sich diverse Mythen darum. Filmklassiker wie „Einer flog übers Kuckucksnest“ oder Hitchcocks „Psycho“ haben die Vorstellung über psychische Erkrankungen zumeist durch realitätsferne, stereotype Abbildungen geprägt. Diese wiederum führten zu Vorurteilen und einer angstbehafteten, distanzierten Haltung gegenüber der Thematik. Seitdem diese Filme erschienen sind, hat sich jedoch einiges getan und immer mehr differenzierte Inszenierungen finden ihren Weg auf die Bildschirme. So setzen sich zum Beispiel neuere Filme wie „Still Alice“ oder „Silver Linings“ mit Krankheiten wie Alzheimer oder der bipolaren Störung auseinander.
Für eine authentische Abbildung empfiehlt sich eine tiefgründige Recherche und vor allem das persönliche Gespräch mit Ärzten und Patienten. Dabei gilt es, verschiedene Erkrankungen und ihre Symptome klar voneinander abzugrenzen, sodass Betroffene sich wiederfinden können. Gerade im Fernsehen, das mehr noch als das Kino zum alltäglichen Leben gehört, ist eine realitätsnahe Darstellung entscheidend. Im Wertekodex der UFA Serial Drama, der Produktionsfirma von bekannten deutschen Serien wie Gute Zeiten, Schlechte Zeiten (GZSZ) oder Verbotene Liebe, ist deshalb festgelegt, dass Vorurteile nicht verstärkt werden dürfen und dass Geschichten genauestens recherchiert sein müssen. Beispielsweise haben sie so zur Darstellung der Bulimie-Erkrankungen einer Figur in GZSZ Beratung durch den Verein Dick & Dünn e.V. erhalten, der sich für Betroffene von Essstörungen einsetzt. Organisationen wie das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit bieten aufgrund dieser Problematik ebenfalls Dossiers mit Empfehlungen für Drehbuchautoren an, die den verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema erleichtern sollen.
Das Internet: Fluch und Segen zugleich
Egal, wie schwierig es scheinen mag – viele TV-Serien, Filme und Bücher haben bereits einen angemessenen Umgang mit dem Thema erreicht. Obwohl psychische Erkrankungen sehr subjektiv sind, eignen sich vor allem Werke von Autoren, die selbst betroffen sind, um einen authentischen Einblick in das Leben von Menschen mit psychischen Problemen zu bekommen. Matt Haig, Autor des Bestsellers „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ (Original: „Reasons to Stay Alive“) verarbeitet in seinem Buch seine eigenen Erfahrungen mit Depressionen und Angststörungen. Auch auf Social Media, vor allem Twitter, ist er, wie viele seiner Schriftstellerkollegen sehr aktiv. In einem Interview mit dem dtv-Verlag sagt er: „Ich glaube, gerade wenn es um psychische Probleme geht, kann das Internet sehr befreiend sein. Es bietet den Leuten die Möglichkeit, anderen ihre Erfahrungen mitzuteilen, darüber zu sprechen.“
Social Media ist für viele vor allem jüngere Menschen längst in den Alltag übergegangen. Das kann sich sowohl positiv als auch negativ auf die geistige Gesundheit auswirken. Die britische Studie Status of Mind, hat herausgefunden, dass die Nutzung von sozialen Netzwerken sich negativ auf Schlafverhalten sowie die Körperwahrnehmung auswirken, aber auch Probleme wie Cybermobbing und die so genannte „Angst, etwas zu verpassen“ auslösen können. Beispielsweise profitieren Nutzer aber auch davon, Zugang zu den Erfahrungen und Krankheitsgeschichten anderer zu haben, ein Gemeinschaftsgefühl mit anderen Nutzern zu teilen und Beziehungen aufrechtzuerhalten. Das jeweilige Ausmaß hinge dabei nach Umfragen auch davon ab, welche Plattform genutzt werde. Demnach schneiden YouTube und Twitter bei den Befragten insgesamt positiver ab als zum Beispiel Snapchat und Instagram.
Das Internet mit seinen Foren und Netzwerken bietet für Menschen mit einer geistigen Krankheit einen Ort, an dem sie sich leichter öffnen können, da Schuldgefühle oder die Angst vor den Reaktionen der Angehörigen es ihnen im realen Leben erschweren. Professor Doktor Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der BARMER, sieht für die Gruppe der jungen Erwachsenen Vorteile in diesem Bereich: „Häufig meiden Betroffene aus Scham den Gang zum Arzt. Ein großes Potenzial sehen wir daher in Online-Angeboten, vor allem, wenn sie anonym sind und den Nutzungsgewohnheiten der Generation Smartphone entgegenkommen.“
Aktionen schärfen das Bewusstsein
In den letzten Jahren haben sich Aktionen wie der Mental Health Month im Mai oder die Mental Illness Awareness Week im Oktober auf sozialen Netzwerken als Möglichkeit herausgebildet, Aufmerksamkeit auf das Thema mentale Gesundheit zu lenken und Menschen zu inspirieren, ihre Geschichte mit anderen zu teilen. Dabei ist eine grüne Schleife das Symbol für Solidarität. Am 10. Oktober 2018 findet zudem der Welttag der Seelischen Gesundheit statt, der dieses Jahr von der WHO unter das Motto „Young People and Mental Health in a Changing World“ gesetzt wurde und sich damit besonders um die Gesundheit junger Menschen drehen wird. Auch hier in Deutschland findet dazu eine Aktionswoche mit vielen Angeboten rund um das Thema mentale Gesundheit statt. Ein Aufruf des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit soll dabei Organisationen und Initiativen in ganz Deutschland zur Teilnahme bewegen.
„Entstigmatisierung der Psychiatrie und Aufklärung über psychische Erkrankungen rettet Leben“, appelliert Professor Andreas Reif. „Psychische Erkrankungen sind häufig. Sie sind ein Teil der Medizin. Man darf keine Unterschiede zu anderen Fachrichtungen machen.“ Das Ziel ist klar: Je mehr Menschen ein Bewusstsein für das Thema entwickeln und je mehr Vorurteile abgebaut werden, desto weniger Stigmatisierung erfahren die Betroffenen und desto höher ist die Chance, dass diese die Hilfe erhalten, die sie benötigen. Dazu können die Medien entscheidend beitragen.
 

Freitag, 24. August 2018

Depression und Sport


So einfach kann es sein Depression vorzubeugen:

Sport schützt vor Depressionen. Das hat eine internationale medizinische Studie ergeben, über die die australischen Universitäten New South Wales und Sydney berichten.
Der Effekt sei unabhängig von Alter und Gesundheit. Die Forscher werteten Daten aus 49 Untersuchungen in Brasilien, Belgien, Australien, den USA, Großbritannien und Schweden mit fast 267 000 Teilnehmern aus. Die zeigten, dass Herumsitzen die Wahrscheinlichkeit einer Depression erhöhe. Das gelte bei allen Altersgruppen auf allen Kontinenten. Die Forscher kommen zusammenfassend zum Ergebnis, dass mehr als ein Zehntel aller Depressionen mit nur einer Stunde Sport pro Woche verhindert werden könnte. Sie planen nun weitere Studien, um Effekte einzelner Sportarten herauszufinden.

Quelle: https://www.saarbruecker-zeitung.de/sz-spezial/wissen/schon-eine-stunde-sport-schuetzt-vor-depressionen_aid-30121207

Mittwoch, 22. August 2018

Arbeitslos - Burnout - Neues Leben


Dieser Mann war arbeitslos, bekam ein Burnout und Dank der Hilfe anderer hat er sich den Weg zurück erkämpft. Ein Beispiel das Mut macht (Artikel):

Etwa vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen. Experten gehen davon aus, dass viele der rund 2,3 Millionen Arbeitslosen nicht arbeiten gehen können, weil Depressionen im Spiel sind. So wie bei Ronald Seidel.

Bin ich depressiv geworden, weil ich meinen Job verloren habe, oder habe ich meinen Job verloren, weil ich depressiv war? Diese Fragen stellt sich Ronald Seidel aus Leipzig nicht mehr. Er weiß: Nur wegen seiner Erkrankung hat er alles verloren. "Ich war mit einem Schlag völlig überfordert, war völlig abgeschlafft", erinnert sich der 48-Jährige. Das, was sich schon lange vorher angestaut hatte, konnte er nicht mehr unterdrücken. Er verlor die Kontrolle über sein Leben.

Alles, was ihm blieb, war sein Auto

Ronald Seidel ließ alles hinter sich: die Wohnung mit allem, was ihm gehört, seine zwei Kinder - er war außerstande, den Kontakt zu ihnen zu halten. Auch seine Firma ließ er im Stich. Gerade noch Chef von zehn Mitarbeitern, wurde er obdachlos. Zwei Jahre lang hat er im Auto gelebt.
Ich habe entschieden, meine Wohnung zu verlassen, mich ins Auto zurückzuziehen und einfach nichts mehr zu tun. Es war ein totaler Abschluss mit meinem Umfeld. Ich wollte nichts mehr hören, nichts mehr sehen und nichts mehr wissen. Ich habe im Auto gegessen und geschlafen und darin meine Zeit totgeschlagen.
Ronald Seidel

Die kleinsten Dinge werden zum Problem

Warten, dass die Zeit vergeht: Solche Schilderungen hört Prof. Ulrich Hegerl von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe regelmäßig von seinen Patienten. "Wenn man in die Depression gerät, dann werden kleinste Dinge zu einem Problem", sagt er. "Man kann sich nicht aufraffen, die Zähne zu putzen, nicht telefonieren. Oft sind die Menschen nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen."
 

Nach erfolgreicher Behandlung wieder handlungs- und arbeitsfähig

Auch Ronald Seidel war psychisch krank. Deshalb konnte er auch nicht mehr arbeiten. Seine Jobvermittlerin erkannte, dass er möglicherweise ein psychisches Problem hat. Sie bot ihm ein psychosoziales Coaching mit einer Diplom-Psychologin der Uni-Klinik Leipzig an. Dabei erfuhr er zum ersten Mal, dass er in diese ausweglose Situation geriet, weil er krank war. "Herr Seidel kam mit Depressionen und mit einer Angstsymptomatik zu uns", erklärt Anja Kästner von der Psychiatrischen Klinik der Universität Leipzig.

Erst nachdem es Ronald Seidel geschafft hatte, seine Depression in den Griff zu bekommen, stand er auch dem Arbeitsmarkt wieder zur Verfügung – und fand prompt einen Job. Sieben Jahre nach seinem Absturz ist Ronald Seidel wieder zurück im Leben. Sogar den Kontakt zu seinen beiden Töchtern hat er wiederhergestellt. Das ist für ihn das Wichtigste.
Menschen mit psychischen Erkrankungen, Langzeitarbeitslose in Behandlung zu bringen, das ist für mich der größte Verbesserungsspielraum und der effizienteste Ansatz, um die Situation zu verbessern.
Prof. Ulrich Hegerl | Stiftung Deutsche Depressionshilfe  
Sie haben Selbsttötungsgedanken oder eine persönlichen Krise? Die Telefonseelsorge hilft Ihnen rund um die Uhr: 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Der Anruf ist anonym und taucht nicht im Einzelverbindungsnachweis auf. Auf der Webseite www.telefonseelsorge.de finden Sie weitere Hilfsangebote, zum Beispiel per E-Mail oder im Chat.

Quelle: https://www.mdr.de/brisant/wenn-depressionen-die-kontrolle-uebernehmen-100.html

Weg aus dem Burnout finden


Tolles Beispiel wie sich ein Burnout als nützlich erweisen kann (Artikel):

Wenn in Stefan Mais Leben etwas nicht so läuft wie geplant, wenn seine Pläne durchkreuzt werden, dann hat er einen Standardsatz, der ihm durch den Kopf geht: „Jetzt bin ich aber mal gespannt, wofür das wieder gut ist.“
Dass Dinge, die ganz und gar nicht gut sind, dennoch ihr Gutes haben, hat er schmerzhaft gelernt. Mai arbeitete als Wirtschaftsinformatiker lange Jahre in derselben Firma, als der Einbruch kam. Er war völlig ausgebrannt und bekam Depressionen. Im Rückblick sagt er heute: „Ich hatte ein Helfersyndrom.“
In Klinik und Reha einiges gelernt
Damals aber wusste er erst einmal nicht mehr weiter. Fast acht Monate fiel er wegen Krankheit aus. In Klinik und Reha aber hat er einiges gelernt, nicht nur die Kunst Nein zu sagen. „Wenn vieles in unserem Verhalten an der Konditionierung hängt“, dachte er, „dann kann man solche Konditionierungen ja auch ändern.“

Das ist leichter gesagt als getan, dennoch kam ein veränderter Stefan Mai nach acht Monaten in seinen Betrieb zurück. „Und damit konnten die Kollegen nicht umgehen“, erinnert er sich. Es dauerte noch zwei Jahre, dann endete das Arbeitsverhältnis und der damals 45-Jährige stand auf der Straße. Das Einzige, was er zu dieser Zeit mit Sicherheit wusste, er wollte nicht wieder zurück ins alte Schema. Wo der Weg stattdessen hingehen sollte, war ihm noch völlig unklar. „Ich habe gespürt, da wartet noch etwas auf mich“, sagt er heute, aber die Zweifel waren groß.

Was hat ihm letztlich geholfen? Nun da war einmal die Unterstützung seiner Familie. Seine Frau Sabine und die beiden Töchter trugen die kommenden Jahre mit, in denen Mai vor allem Ausbildungen machte. Betriebliches Gesundheitsmanagement war die erste, dann qualifizierte er sich als Stressmanagementtrainer, als systemisch integrativer Coach, als Kursleiter und Ausbilder und er ist NLP-Practitioner. NLP steht für Neuro-Linguistisches Programmieren, Kommunikationstechniken und Methoden zur Veränderung psychischer Abläufe im Menschen.
Neben der Familie hat ihn vor allem seine spirituelle Orientierung getragen, das Bewusstsein, dass es da „eine Macht gibt, die für uns da ist und uns lenkt“. Und so kam für ihn eins zum anderen, während seiner Ausbildungen lernte er immer wieder Menschen kennen „die mich bereichert haben“, erklärt Mai.

2017 selbständig gemacht
2017 machte er sich dann selbstständig. Zwei dieser Menschen sind jetzt seine Kollegen, gemeinsam mit ihnen gründete er sein Unternehmen Benefit mit Standorten in Fulda Nürnberg und Üchtelhausen. Das, was er in seiner schweren Zeit über die Gesundheit gelernt hat, will er weitergeben, egal ob es um die persönliche, betriebliche oder gesellschaftliche Gesundheit geht.
2018 ließ sich Mai noch zum externen Datenschutzbeauftragten zertifizieren, so dass er jetzt auch wieder auf zwei Beinen steht, dem des Datenschutzbeauftragten und im betrieblichen Gesundheitsmanagement. Im Rückblick sagt Mai heute: „Ich habe diesen Arschtritt vom Leben gebraucht, um etwas Neues anzufangen.“
Daneben kümmert er sich um etwas, dem es ebenso geht wie ihm vor wenigen Jahren noch: Die alte Kirchbergschule scheint am Ende. Als zweiter Vorsitzender des Fördervereins Kirchbergschule kämpft er um deren Erhalt und bemüht sich mit vielen Mitstreitern, dem alten Gemäuer in Üchtelhausen wieder Leben einzuhauchen. Und so ist es nur logisch, dass er sein Büro im ehemaligen Lehrerzimmer der Schule eingerichtet hat. Auch einen Seminar- und Schulungsraum hat er seit diesem Jahr angemietet und eingerichtet. Mit anderen Ehrenamtlichen teilt er den Traum, aus der ehemaligen Schule einen Ort der Begegnung mit Kunst, Kultur und Gesundheitsangeboten zu machen.

Quelle: https://www.mainpost.de/regional/schweinfurt/Den-Weg-aus-dem-Burnout-finden;art763,10040129