Montag, 10. September 2018

7 Dinge die man nicht zu Depressiven sagen darf


Von "Reiß' Dich mal zusammen" bis hin zu "Mach’ doch mal ein bisschen Yoga" – diese Sätze solltet Ihr Euch als Angehörige oder Freunde von Depressiven klemmen.
Falls Ihr jemanden kennt, der an Depressionen leidet, solltet Ihr natürlich das Gespräch suchen und Eure Hilfe anbieten. Allerdings gibt es bei diesem Gespräch ein paar Tipps, die Ihr beachten solltet, denn Depressionen sind eine Krankheit und diese muss professionell behandelt werden.
Küchenpsychologische Sprüche helfen dabei nicht weiter, auch, wenn sie von Herzen kommen und gut gemeint sind. Am besten Ihr nehmt Eure depressive Freundin oder Euren depressiven Freund an die Hand und bietet ihr/ihm an gemeinsam eine professionelle Beratungsstelle aufzusuchen. Anlaufstellen findet Ihr hier .

Diese Sätze jedenfalls sind mit Vorsicht zu geniessen ...
1. "Reiß’ Dich mal zusammen"
Depressionen sind nicht einfach nur eine schlechte Laune. Der Psychiater Ashwini Nadkarni zu "Seventeen.com": "Leute mit Depressionen leiden an einer Krankheit, die im Gehirn festzustellen ist. Genauso, wie man nicht jemanden bei Asthma sagen kann, hör doch mal auf zu husten, kann man einer depressiven Person nicht sagen, sei’ doch jetzt mal nicht depressiv." Am besten bietet man an dass man gerne zuhören möchte und interessiert ist an der Krankheit.
2. "Du brauchst keine Therapie oder Tabletten. Du braucht nur ein bisschen Sonne und Yoga"
Keiner von uns kann es gut ertragen, wenn es Menschen, die wir lieben, schlecht geht. Der häufigste Impuls ist sofort für den anderen eine Lösung finden zu wollen, denn die Tragik aushalten zu müssen ist zu schwer zu ertragen. Doch mit einem solchen Spruch zeigt man eher, dass man das Problem nicht ernst nimmt. Und das führt wiederum häufig zu einer weiteren Distanzierung der betroffenen Person.
3. "So viele Menschen haben es schlechter als Du"
Der typische Abwärtsvergleich führt in der Sozialpsychologie oft dazu, dass wir uns besser fühlen. Doch dies trifft nur bei alltäglichen Problemen zu, nicht bei Krankheiten. Zudem impliziert dieser Satz, dass man davon ausgeht, der Depressive hat seine Krankheit selbst zu verschulden, jemand, der in Afrika an Hunger leidet nicht. Doch beides, also eine Depression als auch eine an Hunger leidende Person haben ihre Situation nicht selbst verschuldet und würden alles dafür tun, um ihre Lage zu ändern. Wenn sie denn könnten und Hilfe bekommen. Deswegen ist es so wichtig zu helfen.
4. "Jetzt sei doch mal nicht so eine Bremse"
Klar ist es manchmal schwer mit einer an Depressionen erkrankten Person zu tun zu haben. Doch die schlechte Laune sucht sich die Person nicht aus und kann sie nicht einfach an- oder abschalten, so wie viele gesunde Personen es schaffen, sich durch Musik, positive Gefühle oder Ablenkung wieder aus einer schlechten Laune zu holen.
5. "Sie haben meine Make-Up-Marke nicht mehr bei Rossman, ich bin so depressed! "
Diese Sätze rutschen einem leicht mal über die Lippen, denn viele Dinge ärgern uns tagtäglich. Doch für einen Depressiven bedeutet dieses Wort jeden Tag aufs Neue Kummer und eine tief sitzende Krankheit, die bedrohlich ist. Deswegen sollte man erst überlegen, bevor man so etwas sagt und sich am besten ein anderes Wort überlegen. Vielleicht "enttäuscht" oder "verärgert".
6. "Suizid ist so egoistisch"
Ihr mögt Recht haben, aber mit diesem Satz werdet Ihr Eure Freundin oder Euren Freund von Euch wegtreiben und ihm nicht das Gefühl geben, dass sie/er mit Euch sprechen kann, wenn Selbstmordgedanken da sind. Fakt ist: Depressionen enden oft tödlich. 3 bis 4% der Erkrankten sterben laut der "Gesundheitsberichterstattung des Bundes" durch Suizid, alleine in Deutschland waren das im Jahr 2008 9.451 Sterbefälle. Besser als diesen Satz zu formulieren wäre ganz sensibel und empathisch zuzuhören und professionelle Hilfe zu holen.
7. "Fühlst Du Dich jetzt besser? "
Auch hier – wir verstehen das Bedürfnis zu wollen, dass alles wieder gut ist und das Gegenüber wieder gesund ist. Oft helfen Gespräche mit Freunden, doch am Ende muss ein Fachmann die Situation einschätzen und gegebenenfalls Medikamente verschreiben. Lasst Euch also als Angehörige helfen und seid offen für das Thema ohne Vorurteile zu schüren und vorschnelle Lösungen zu präferieren.
 

Samstag, 8. September 2018

Generation Z und Burnout


Es ist so weit: Die Generation Z strömt auf den Arbeitsmarkt. Mitglieder dieser Generation wurden nach 1995 geboren und sind dementsprechend gerade höchstens Anfang 20. Im Gespräch mit Business Insider warnt der Experte für Entscheidungspsychologie, Unternehmensberater und TedX-Speaker Benedikt Ahlfeld: Sie sind gefährdeter, an Burnout zu leiden, als jede andere Generation zuvor.
Die Menschen, die der Generation Z angehören, sind die ersten echten Digital Natives. Sie wurden mit Internet und Smartphones groß. Doch ihre Jugend war auch von Krisen gezeichnet.

Desillusionierung durch Krisen

„Da sie in einer global vernetzten Welt aufgewachsen sind, haben sie globale Krisen und Terror unmittelbarer mitbekommen als frühere Generationen. Die Rezession von 2008 und die oft damit verbundene finanzielle Unsicherheit der eigenen Eltern, aber auch zum Beispiel den 11. September 2001. Darum ist die Generation Z desillusioniert, was die Jobsicherheit und das wirtschaftliche Wachstum angeht“, sagt Ahlfeld. „Sie hat gelernt: Selbst wenn ich viel arbeite, bedeutet das noch nicht, dass ich finanziell abgesichert bin.“

Das unerreichbare Ideal

Dieser Ernüchterung stand, während die Generation Z aufwuchs, ein anderes Extrem gegenüber: Die sozialen Medien, die den Schreckensmeldungen eine Idealvorstellung des perfekten Lebens entgegensetzten.
„In den sozialen Medien wirken alle extrem erfolgreich, obwohl sie dauernd in Urlaub zu sein scheinen. Sie geben vor, das perfekte Leben zu haben“, sagt Ahlfeld. „Doch egal, was wir nach außen hin vortäuschen ─ innerlich wissen wir, dass wir der Idealvorstellung nicht gerecht werden.“
Frühere Generationen kannten diese massive Diskrepanz zwischen Realität und Idealvorstellung nicht. Ahlfeld vermutet, dass aus dem Empfinden, das echte Leben sei nicht mehr gut genug, die Filter aufkamen, die beispielsweise auf Instagram über das Foto gelegt werden.
„Das führt zu einer Sinnkrise, denn wenn wir uns mit etwas unerreichbar Perfektem vergleichen, versperren wir uns den Weg zur Selbstliebe“, sagt der Coach. „Die Generation Z ist im Grunde darauf konditioniert, nur das Positive nach außen darzustellen. Denn wer das tut, wird belohnt: In Form von Aufmerksamkeit, Likes, Herzchen und ‘Daumen rauf’.“
Zusätzlich entstehe durch die Fokussierung auf das Positive in den sozialen Medien im Kopf des Einzelnen eine größere Barriere, sich mitzuteilen, wenn es ihm oder ihr nicht gut gehe.

Das Missverständnis der Elterngeneration

Jeder vierte Europäer leidet laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) mindestens einmal im Leben an einer Depression, jeder zehnte nimmt im Laufe eines Jahres Antidepressiva. Das beginne auch schon bei jüngeren Menschen, sagt Ahlfeld, und liege nicht allein am ständigen Vergleich mit der perfekt gefilterten Scheinwelt.
„Die Generation Z ist daran gewöhnt, mehrere Kommunikationskanäle gleichzeitig zu bedienen und ständig ihren Fokus zu wechseln. Das ist an sich nichts Negatives. Das Problem entsteht erst, wenn sie auf ein System treffen, das anders aufgebaut ist.“
Eine Schulstunde dauert zum Beispiel in der Regel 45 Minuten — erst danach wird das Thema gewechselt. Das macht Leute, die an ständige Refokussierung angepasst sind, nervös. Laut Ahlfeld denken darum Eltern und Lehrer fälschlicherweise, die jungen Leute könnten sich nicht konzentrieren. 
Lest auch: Einer der renommiertesten Psychiater Deutschlands glaubt, dass Burnout ein Luxusproblem ist
Der Coach und Speaker hat einen Rat für junge Menschen, die sich durch den ständigen Vergleich mit unerreichbaren Idealen überfordert fühlen: „Versucht, die Außendarstellung locker zu nehmen. Richtet stattdessen euren Blick nach innen. Werdet euch bewusst, was Erwartungen von anderen sind, und was eure eigenen Wünsche und Ziele. Und verfolgt diese dann konsequent.“
Benedikt Ahlfeld sagt, Geduld sei dabei besonders wichtig: „Die Dinge, die im Leben wirklich zählen, brauchen Zeit. Und wenn ich mein Ziel heute noch nicht erreicht habe, bedeutet das nicht, dass ich weniger wert bin.“

Quelle: https://www.businessinsider.de/die-generation-z-ist-gefaehrdeter-an-burnout-zu-leiden-als-jede-vor-ihr-warnt-ein-business-coach-2018-9

Donnerstag, 6. September 2018

Das System treibt Menschen in den Burnout


Frau Maslach, Sie zählen zu den wichtigsten Forscherinnen auf dem Gebiet des Burnout. Können Sie bei Menschen eine Burnout-Persönlichkeit erkennen?
Christina Maslach: Nein, es gibt keine Burnout-Persönlichkeit. Vielmehr ist Burnout eine Reaktion auf die Stressfaktoren im Arbeitsumfeld. Auslöser ist diese nicht enden wollende Folge an Stressauslösern – das sind oft keine großen Krisen, sondern alltägliche Probleme, die einen Menschen zermürben.
Burnout wird oft mit dem ausgebranntem Zündholz dargestellt – mit der totalen Erschöpfung. Steckt mehr dahinter?
In seinen schweren Formen dominiert die Erschöpfung: Der Betroffene kann nicht mehr. Aber Burnout ist nicht nur Erschöpfung – dazu kommt eine zynische, feindselige Einstellung zur Arbeit. Betroffene können die Menschen, mit denen sie arbeiten, nicht mehr ertragen, sie halten es nicht aus, auch nur einen weiteren Kunden, Schüler oder Patienten zu sehen. Diese Reaktion kann die Qualität der Arbeit stark beeinflussen. Dazu kommen negative Gedanken einem selbst gegenüber – bin ich nicht gut genug, in dem was ich tue? Diese drei Dinge machen ein Burnout aus – eine spezielles Persönlichkeitsmerkmal haben wir nicht gefunden. Es geht vielmehr darum: Wie passen mein Arbeitsumfeld und ich zusammen?
Berkeley Christina Maslach, Sozialpsychologin

Quelle: https://www.kleinezeitung.at/lebensart/gesundheit/5491077/BurnoutExpertin_Kultur-der-Angst_Das-System-treibt-Menschen-ins

Mittwoch, 5. September 2018

Burnout ist kein Versagen


Burn-out wird oft als Schwäche, Versagen oder Krankheit angesehen. Dabei handelt es sich vielmehr um den Versuch, "täglich mit chronischen Stressfaktoren umzugehen", erklärte die renommierte Sozialpsychologin Christina Maslach. "Durch diese Erfahrung kann man gefährdet sein, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen. Das kann zu größeren Problemen führen."
Die Amerikanerin Maslach hat in den 1970er-Jahren das Konzept des Burn-out-Syndroms mitentwickelt und zählt zu den wichtigsten Forschern auf diesem Gebiet. Im Rahmen einer Internationalen Burn-out-Fachtagung hält sie am Dienstag einen Vortrag in Wien.
Die Erforschung starker Emotionen
Als Christina Maslach 1971 ihre Lehrtätigkeit an der University of California in Berkeley aufnahm, begann sie sich für die Erforschung starker Emotionen zu interessieren, die Menschen möglicherweise bei ihren Tätigkeiten stören könnten. "Es gibt dort viele Notfall-Krankenhäuser, Polizeistationen und Feuerwachen. Die Leute, die dort arbeiten, haben eine große Verantwortung und dürfen sich von Emotionen nicht ablenken lassen. Das ist nicht leicht, wenn man Menschen retten muss", schilderte Maslach. Die Interviewpartner berichteten, sie wären erschöpft, entwickelten Aggressionen und Gleichgültigkeit.
 
"Niemand hätte offen darüber geredet, es wäre ein Stigma gewesen. Sie wurden aber sehr emotional, wenn sie sich mit mir in einem vertraulichen Rahmen darüber unterhielten", sagte Maslach. Bei einer zufälligen Begegnung mit einer Anwältin, die dieses Phänomen von sich und ihren Kollegen kannte, hörte die Psychologin dann die Bezeichnung "Burn-out" zum ersten Mal. "Darin fanden sich plötzlich viele wieder. Wir sehen das in allen Branchen. Wenn du Tag für Tag immer sehr schnell sein musst, nicht Nein sagen kannst, Freinehmen nicht möglich ist, immer erwartet wird, dass du Extra-Arbeit machst. Tust du das nicht, verpfeifen dich die Kollegen. Ein toxisches soziales Umfeld ist einer der Gründe für Burn-out. Ein Arbeitsplatz, an dem du anderen nicht vertrauen kannst, wo jeder gegen jeden ist", beschrieb Maslach.
Eine "Kultur der Angst"
"Wenn ich Interviews führe, höre ich sehr oft von dieser 'Kultur der Angst', so die Psychologin. "Die Menschen bitten auch nicht um Hilfe. Sie würden nach außen hin niemals etwas von sich zeigen, das weniger als perfekt ist. Denn dann würden sie als schwach gelten, das wäre das Ende ihrer Karriere." Auch das Reden über psychische Erkrankungen wird als Schwäche verstanden. Wenn andere es herausfinden, setzen sie dich herab, schließen dich aus, so Maslach: "Sie sagen 'Bring dich wieder in Ordnung, und wenn du dich wieder besser fühlst, gehen wir auf ein Bier'."
 
Dabei würden psychologische und soziologische Forschungen seit Jahrzehnten zeigen, dass gute soziale Beziehungen zu den wichtigsten Dingen für Menschen zählen, damit es ihnen psychisch und physisch gut geht, betonte Maslach. "Das sind Beziehungen zur Familie, zu Freunden, Kollegen, Nachbarn. Leute, mit denen man Spaß hat, an die man sich wenden kann. Stresstests am Arbeitsplatz zerstören das Netzwerk." Dies alles sorge für eine toxische, ungesunde Arbeitsumgebung.
"Mehr als ein individuelles Problem"
Die beste Strategie gegen Burn-out sei laut Christina Maslach nicht, zu überlegen, wie man die Menschen behandelt, damit sie resilienter und stärker werden. "So bringt man ihnen nur bei, wie sie noch schneller und länger rennen, bevor sie fallen". Es müsse vielmehr überlegt werden, was gegen die Dinge getan werden kann, die diese Probleme verursachen.
"Man muss sich wirklich anschauen, wie die Arbeitsumgebung beschaffen ist und wieso sie einen derartigen Effekt auf so viele Menschen hat", sagte die Sozialpsychologin im Interview mit der APA. Dieser sei nicht nur gesundheitsschädlich, sondern habe auch direkte Auswirkungen auf die Arbeit, etwa wenn die Menschen diese nicht mehr gut ausüben können, gar nicht mehr zur Arbeit kommen oder früher in Pension gehen. Burn-out verursache auch ökonomische Schäden, es sei mehr als ein individuelles Problem.
 
"Wir müssen der Arbeitsumgebung wesentlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Wenn wir sie nicht besser und gesünder gestalten, so dass die Leute erfolgreich dort arbeiten können, lösen wir das Problem nicht", ist Maslach überzeugt. Chefs und Arbeitnehmer sollten dafür unter gegenseitigem Respekt kommunizieren und zusammenarbeiten. Oft könnten schon kleine Änderungen große Wirkung haben. "Ich bin für einen holistischen Ansatz, ohne mit dem Finger auf einzelne zu zeigen", so Maslach.
Sozialpsychologin sieht Zwölfstundentag kritisch 
Die in Österreich neu eingeführte Höchstarbeitszeit von zwölf Stunden pro Tag sieht die Sozialpsychologin kritisch. "Bei zwei Stunden mehr hat man nicht einfach mehr Zeit für die Arbeit, sondern es wird auch mehr verlangt." Damit Menschen gesund und stark bleiben, würden sie mindestens sieben bis acht Stunden Schlaf pro Nacht brauchen. "Werden zwei Stunden weggenommen, was bleibt dann übrig?", fragte die Psychologin. "Vier Stunden für den Arbeitsweg, Einkäufe, Erledigungen für die Familie, Freunde und Hobbys. Nur vier Stunden - das ist ungesund. Es beraubt dich in gewissem Sinne deiner Lebenszeit außerhalb der Arbeit. Jener Zeit, die dich gesund, erfolgreich und widerstandsfähig macht."
Faktoren zur Burn-out-Prävention seien Autonomie bei der Arbeitszeit, Anerkennung und Fairness. "Gute Arbeitsbeziehungen, keine Diskriminierung, keine gläserne Decke, Respekt", zählte Maslach auf. "Das hat alles mit der Umgebung zu tun. Du kannst eine tolle, wunderschöne Pflanze haben, aber wenn du sie in schlechten Boden steckst und es kein Sonnenlicht und Wasser gibt, wird sie nicht gedeihen."
 

Samstag, 1. September 2018

Digitale Depression


Das Smartphone als Schnuller Ersatz ? Provokant, aber leider oft wahr...

Für Viele ist das Smartphone ein Schnuller-Ersatz, sagt Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach. Doch wer sich auf Facebook zu oft mit Anderen vergleicht, bekommt davon meist schlechte Laune. Ist das Leben ohne Internet vielleicht schöner?
Stephan Karkowsky: Ich mach gerade eine unfreiwillige Digitaldiät. Unser Internet ist nämlich ausgefallen, und der Monteur ist hoffentlich schon auf dem Weg. Ich find's, ehrlich gesagt, schrecklich so ganz ohne. Dabei verbringen natürlich die meisten von uns viel zu viel Zeit im Internet. Durchschnittlich übrigens sechs Stunden am Tag. Britische Gesundheitsexperten haben nun eine Kampagne gestartet, für einen Monat mal ganz ohne Facebook, Instagram, Twitter und Co., quasi eine Digitaldiät unter dem romantischen Motto "Werde wieder ein sozialer Schmetterling". Sprechen möchte ich darüber mit der Münchener Professorin für Wirtschaftspsychologie Sarah Diefenbach. Guten Morgen!
Sarah Diefenbach: Guten Morgen!
Karkowsky: Und Autorin eines Buches namens "Digitale Depression. Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern". Gibt es das wirklich, eine digitale Depression?

Selfies statt Entspannung

Diefenbach: So, wie wir den Begriff verwenden, meinen wir damit nicht die Depression im klinischen Sinne, sondern sehen das eher als einen Hinweis darauf, sich mal zu hinterfragen, ob denn die Auswirkungen der ganzen Technik so positiv sind, wie wir sie uns eigentlich erhoffen, oder ob nicht auch manchmal Seiteneffekte auftreten, die uns von dem, was wir eigentlich wollen, also das, was uns das wahre Glücksempfinden bringt, wegbringen.
Das kann so was sein, wie dass man im Urlaub nur noch mit Selfies beschäftigt ist und den eigentlichen Urlaubsmoment verpasst. Das kann auch sein, dass man in sozialen Medien eigentlich Kontakt zu anderen sucht, aber es gibt auch schon den Begriff der "Pseudo-Social Networks", der eben besagt, es gibt ganz viele Leute, die posten und Anerkennung wollen, aber eigentlich nur wenige, die das dann alles konsumieren, lesen wollen und einem auch die erhoffte Wertschätzung und Anerkennung dafür zurückgeben. Ja, solche Effekte gibt es eben viele, die wir in dem Buch auch beschreiben.

Kaum jemand will sich Selfies anschauen

Karkowsky: Ich würde ja grundsätzlich davon ausgehen, dass Leute, die viele Selfies von sich machen, vor allen Dingen im Urlaub, dass die das auch wirklich glücklich macht. Sonst würden sie es ja nicht tun.
Diefenbach: Das ist ein bisschen eine naive Annahme, zu sagen, wenn es einen nicht glücklich machen würde, würde man das nicht tun. Ich denke, das kennen wir aus vielen Bereichen des Lebens, dass es oft nicht so leicht ist für die Menschen, einzuschätzen, was einen langfristig glücklich macht, oder man auch sehr leicht in Routinen rutschen kann, wo es anfänglich schon eine positive Auswirkung gibt, es dann aber einfach so ein gesundes Maß überschreitet.
Ich habe auch gerade wieder beispielsweise von einer Freundin gehört, die eben mit einer Freundin auf Reisen war und wo dann der Selfie-Wahn der einen Freundin dazu geführt hat, dass man dann irgendwann getrennt weitergereist ist, weil es eben auch den Mitmenschen sehr auf die Nerven gehen kann und man einfach nur noch auf sich selbst fokussiert ist. Wir haben dazu auch eine Studie gemacht, dass gerade dieses Selfie-Phänomen – alles Leute machen es, aber sehen will sie eigentlich kaum jemand. Und man nimmt auch die Leute oft als sehr narzisstisch wahr, die sich auf Selfies darstellen. Da ist auch die Frage, ob man denn damit diese Wirkung auf andere erzielt, die man sich wünscht.

Der Vergleich mit anderen macht oft unglücklich

Karkowsky: Mich persönlich stören vor allen Dingen dann immer die Leute, die auf Konzerten ein Konzert lieber filmen, als sich das anzuschauen. Dann sieht man ganz oft nicht mehr die Bühne, sondern einfach nur noch Bildschirme, durch die man dann die Bühne sehen könnte. Gibt es denn eigentlich verlässliche Daten über die Auswirkungen gerade sozialer Medien auf unsere Gefühlswelt?
Diefenbach: Das ist natürlich schwierig, da jetzt pauschal zu sagen, wie wirkt das auf alle Menschen. Aber was es an Studien gibt, ist beispielsweise, dass sie Beschäftigung, solange man am eigenen Profil Dinge ändert, sich damit beschäftigt, da tut es dem Selbstwert gut. Wenn man dann allerdings die Seiten anderer besucht, sinkt der Selbstwert eher. Das hängt auch damit zusammen, dass man sich natürlich automatisch vergleicht. Und das, was andere darstellen, ist natürlich nur ein selektiver, sehr geschönter Ausschnitt. Man kommt dann aber eben so zu diesem Schluss, andere sind glücklicher, andere haben ein besseres Leben.
Oder, was ich auch sehr interessant finde, eine Studie, die zeigt, dass die Zeit, die man dort verbringt, immer mehr ist, als man eigentlich vorher geplant hat oder als man annimmt. Das heißt, man versinkt sehr oft in dieser Welt. Und diese Idee, ich könnte das als Stimmungsaufheller verwenden, so als kleine Pause und kleiner Push, und dann geht es mir wieder gut, auch das geht nicht auf. Die Stimmung ist im Durchschnitt – das gilt natürlich nicht für jeden einzelnen Menschen –, aber in dieser Studie schlechter nach dem Besuch von Facebook, war es in diesem Fall, als vorher.

Smartphone als Schnullerersatz

Karkowsky: Kann ein Smartphone nicht auch Trost spenden, wenn ich mich allein fühle?
Diefenbach: Ja, absolut. Sehr interessantes Thema, wo ich gerade mit Kim Bormann auch zusammen eine Studie gemacht habe, die eben untersucht hat speziell die Smartphone-Nutzung in Zeiten des Alleinseins. Und da hat sie was ganz Interessantes herausgefunden, dass nämlich tatsächlich für manche Personen das Smartphone so was wie ein Attachment-Objekt, ein Schnullerersatz ist, also das, was Kindern Trost spendet. Und wenn das Bezugsobjekt, die Mama, nicht da ist und Beruhigung spendet, so was ist dann oft das Smartphone für manche Menschen. Das ist eben tatsächlich so, dass dann die negativen Gefühle, Stress und so was, reduziert werden.
Interessant ist aber auf der anderen Seite, dass Aktivitäten wie Selbstreflexion, die man sonst, wenn man Momente der Ruhe, des Alleinseins hat, vollziehen könnte, dass die weniger effektiv sind. Man kommt also zu weniger Einsichten über sich selbst. Und auch das ist dann eben wieder ein schönes Beispiel, wo man so sehen kann, es ist vielleicht so eine kurzfristige Befriedigung. Langfristig könnte diese Nutzung des Smartphones aber dann das Wohlbefinden beeinträchtigen, weil Selbsteinsichten, Nachdenken über sich selbst eben langfristig schon ein wichtiger Faktor für psychologisches Wohlbefinden ist.
Karkowsky: Nun sagen diese britischen Gesundheitsexperten, werde wieder ein sozialer Schmetterling, mach mal vier Wochen gar nichts auf Facebook und so weiter. Was halten Sie von solchen digitalen Diäten?

Auf die richtige Dosis kommt es an

Diefenbach: Gut, ich denke, es ist wie bei jeder Kurzzeitdiät. Da kann man sich natürlich fragen, ob das dann insgesamt einen Effekt hat. Interessant finde ich es aber schon. Ich kann mir vorstellen, dass einfach so eine Aktion für viele Menschen mal ein Anlass ist, so ein bisschen wie die Fastenzeit oder so. Man probiert einfach mal was Neues aus und merkt, welchen Einfluss die sozialen Medien auf das eigene Leben bislang hatten, was für einen Stellenwert es vielleicht auch im eigenen Leben einnimmt.
Wir haben auch schon mal Studien in ähnliche Richtungen gemacht, zum Beispiel, dass Leute mal experimentiert haben, auf WhatsApp zu verzichten oder so. Und das ist ganz interessant, für manche gibt es dann den Effekt, dass sie sagen, es ist wie eine Befreiung, ich muss auf einmal nicht mehr so viele Kanäle abarbeiten und mich kümmern. Andere merken auch, wie abhängig sie sozusagen schon davon sind, von dieser Bestätigung. Und auch das Gefühl, was zu verpassen, wenn man nicht ständig online ist. Ich finde die Initiative an sich gut und denke aber natürlich nicht, dass jetzt irgendwie der Weg dann für alle sein wird, für immer auszusteigen, denn die sozialen Medien haben ja auch ihren Wert. Ich denke, da kommt es einfach auf die Dosis an.
Karkowsky: Und bei mir ist die Dosis gerade schon ein bisschen zu knapp bemessen, denn bei uns ist das Internet ausgefallen. Und ich kann Ihnen sagen, das ist wirklich nicht schön. Wir sprachen über Digitaldiäten mit der Münchener Professorin für Wirtschaftspsychologie Sara Diefenbach. Sie hat ein Buch geschrieben, das heißt "Digitale Depression. Wie neue Medien unser Glücksempfinden verändern". Frau Diefenbach, herzlichen Dank!
Diefenbach: Sehr gern!

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/kampagne-fuer-digitale-abstinenz-selfie-wahn-statt.1008.de.html?dram:article_id=426967

Freitag, 31. August 2018

Mit Depressionen leben


Toller Artikel über eine junge Frau und ihren Umgang mit dem Thema Depressionen:

Die Depression schlich sich an mich heran ...

Ich erinnere mich heute noch an einen Traum, den ich vor einiger Zeit hatte: Jemand packte mich von hinten, hielt mir ein Messer an die Kehle und befahl mir, nicht zu schreien. Denke ich heute daüber nach, fällt mir auf: Auch meine Depression hat sich langsam und unbemerkt von hinten an mich herangeschlichen. Dann packte sie mich und hielt mir den Mund zu. Auch wenn ich es gewollt hätte, ich hätte nicht schreien können.
Statt zum Arzt zu gehen, stempelte ich meine körperliche und seelische Verfassung als schlechte Phase ab, die schon wieder vorübergehen würde. Ich versuchte, nicht mehr so pessimistisch zu denken und meine Probleme mit Optimismus zu lösen.
Doch es funktionierte nicht. Ich konnte nachts nicht mehr schlafen, meine Gedanken fuhren Karussell. Tagsüber war ich traurig, kraftlos und müde. In mir breitete sich Panik aus, wenn ich das Haus verlassen oder unter Menschen gehen sollte.

Mein Bett wurde zu meinem besten Freund. Nicht nur die Rollladen meines Zimmers waren permanent heruntergelassen, ich hatte auch keinen Zugang mehr zu meinen guten Gefühlen. Mich verließ all mein Mut, all meine Lebensfreude. Auf einmal war ich mit allerlei Ängsten konfrontiert, ich war unruhig, mein Kopf gab keine Ruhe. Ich wurde häufig krank, hatte Schmerzen in Armen und Brust und häufig Herzrasen.
Ich sprach mit niemandem über meinen Kummer, wollte keinen mit meinen "Problemchen" belasten.
Andere Menschen hatten es doch viel schlimmer getroffen, dachte ich. Außerdem schämte ich mich.

Irgendwann wusste ich: Ich brauche Hilfe, wenn ich überleben will

Und so stapelten sich die schlechten Gefühle in mir. Meine Füße fühlten sich an wie Blei und trugen mich nur mit Mühe und Not von A nach B. Ich aß nicht genug, mein Kreislauf versagte immer wieder, und ich funktionierte wie ein Roboter, ohne jegliche Gefühle. Bis zu dem Punkt, an dem nur noch ein Gedanke in meinem Kopf war: „Wenn du überleben möchtest, musst du dir jetzt Hilfe suchen.“
Doch mit großer Überzeugungskraft versuchte die Depression, mich davon abzuhalten. Wie der kleine, rote Teufel, der auf der Schulter sitzt. Er schrie: „Du wirst es niemals schaffen, du bist ein Nichts für diese Welt! Ohne dich wäre sie ein besserer Ort!“ Und ich habe ihm geglaubt.
Meine Depression hat mich zum Schweigen gebracht. Doch da war noch ein wenig Wille und ein letztes bisschen Hoffnung in mir. Mit dem restlichen Lebensmut, der sich vor der Zerstörungswut der Depression in mir versteckt hatte, zog ich mich selbst an den Haaren aus der dunklen Schlucht und suchte mir Hilfe.

Die Therapie half mir auf die Beine

Ich machte eine Therapie, erst stationär, dann ambulant. Wenn ich ein Stück des Wegs nicht selber laufen konnte,  wurde ich hochgezogen und für eine Weile getragen, bis ich wieder auf eigenen Beinen stehen konnte.
Ich lernte eine Menge über mich selbst: Wer ich bin und was ich möchte. Ich habe gelernt, mich selbst zu verstehen. Und ich bekam Tabletten, die mir das Aufstehen am Morgen und das Schlafen in der Nacht erleichterten.
Es war ein harter Kampf und ist es immer noch. Doch zum ersten Mal seit der Diagnose habe ich es geschafft, die Stimme der Depression in mir leiser zu drehen und ihren Griff zu lockern. Oftmals ist es verführerisch, ihr nachzugeben, doch ich habe etwas ganz Wichtiges begriffen: Sie ist nur ein Teil von mir und nicht ich bin ein Teil von ihr. Die Depression wirft mich nicht mehr nur noch zurück in meinem Leben. Sie spornt mich auch dazu an, jeden Tag das Beste aus dem Hier und Jetzt zu machen und die bestmögliche Version meiner Selbst zu werden.

Und ja, wenn die Stimme der Depression mal wieder lauter wird, ist das auch okay. Denn das gehört ebenfalls dazu: zu lernen, dass auch schlechte Tage in Ordnung sind, sie anzunehmen und gut für sich selbst zu sorgen. Zu akzeptieren, dass es Dinge im Leben gibt, die man nicht ändern kann.

Ich habe gelernt, meine Krankheit zu akzeptieren

Und ich muss mich nicht mehr schämen, zu sagen: „Ich habe Depressionen“. Es ist eine Krankheit, die ich mir nicht ausgesucht habe, und die mich fast mein Leben gekostet hätte. Ich bin dankbar, auf Menschen getroffen zu sein, die meine Erkrankung mit Ernsthaftigkeit behandelt und sie nicht als Schwäche betrachtet haben.
Einmal habe ich zu meiner Therapeutin gesagt: „Sie haben mir das Leben gerettet.“ Sie sagte nur: „Nein, das habe ich nicht. Sie haben sich selbst das Leben gerettet.“
Heute kann ich sagen, dass sie recht damit hatte. Zwar gibt es in meinem Leben trotz vieler Fortschritte einige Einschränkungen, die ich in Kauf nehmen muss. Doch letzten Endes ist es so: In meinem Leben werde ich mit keinem Menschen so viel Zeit verbringen, wie mit mir selbst. Wo ich auch hingehen werde, ich habe immer mich selbst im Gepäck.

 Und die Frage „Wohin gehe ich, wenn ich mich selbst nicht mehr ertragen kann?“, möchte ich mir nicht mehr stellen. Viel lieber sage ich der Depression den Kampf an. Ich gebe ihr nicht mehr die Macht, zu bestimmen, wohin mein Weg führt. Sie wird immer Teil des Rucksacks auf meiner Reise sein. Doch ich habe gelernt, mit ihr umzugehen.

Quelle: https://www.brigitte.de/aktuell/stimmen/mit-depressionen-leben---eine-junge-frau-erzaehlt--wie-ihr-das-gelingt-11253914.html

Mittwoch, 29. August 2018

Soziale Medien + Depression


Erschreckender Bericht:

"Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen"
Etwa jeder zwölfte Jugendliche in Deutschland leidet laut einer neuen Stduie unter depressiven Symptomen. Eine problematische Nutzung sozialer Medien spiele dabei eine Rolle, sagte der Psychologe Lutz Wartberg im Dlf. Auch ein negatives Körperbild könne zu Depressionen führen.
 
Mädchen seien öfter depressiv als Jungen - und ältere Jugendliche eher als jüngere, sagte der Hauptautor der Studie, Lutz Wartberg, im Dlf. Er ist Professor für Gesundheitspsychologie an der Medical School Hamburg. Befragt wurden rund 1.000 zwölf- bis 17-jährige Jugendliche.
Die letzten Zahlen für Deutschland seien mehr als zehn Jahre alt gewesen. Deshalb stelle die neue Studie eine Bestandsaufnahme dar, so Wartberg. Überraschend seien die Ergebnisse aber nicht. Eine Depression zeige sich in Symptomen wie zum Beispiel Niedergeschlagenheit oder eine reduzierte Fähigkeit, Freude zu empfinden.

"Kontrollverlust" in den sozialen Medien

"Mädchen sind deutlich häufiger betroffen als Jungen", sagte der Forscher. Jedes neunte Mädchen sei betroffen, aber nur jeder 20. Junge. Demnach traten depressive Symptome häufiger in Verbindung mit bestimmten anderen Faktoren auf: etwa einem negativen Körperbild oder einem problematischen Gebrauch sozialer Medien wie Instagram oder Facebook.
Eine problematische Nutzung von sozialen Medien sieht der Forscher, wenn ein "Kontrollverlust" stattfinde, wenn Schulleistungen nachlassen oder soziale Beziehungen an Bedeutung verlieren. Bei der Prävention zum Beispiel an Schulen solle stärker über die Themen Körperbild und soziale Medien gesprochen werden, regte Wartberg an.

Quelle: https://www.deutschlandfunk.de/depressionen-bei-jugendlichen-maedchen-sind-deutlich.709.de.html?dram:article_id=426626