Mittwoch, 28. November 2018

Was es heißt, wenn der Partner an Depression erkrankt



Eine Studie zeigt, wie die Krankheit Beziehungen belastet. Experten betonen: Niemand hat Schuld – und professionelle Hilfe ist nötig.

Sibylle Hauck wusste längst, dass ihr Mann schwer krank ist. Er hingegen brauchte sogar nach seinem Suizidversuch noch Wochen, bis er es endlich akzeptieren konnte. Der 51-Jährige aus Schwäbisch-Hall hatte es nicht anders gelernt: Psychisch krank zu sein war etwas Peinliches. Bei seinen Eltern wurde über das „Irrenhaus“ in der Gegend gewitzelt.
Nun befand er sich plötzlich an eben diesem Ort, weil er die seelischen Schmerzen nicht mehr ausgehalten hatte, im Februar 2015. Zwei Zusammenbrüche in den Jahren zuvor hatte er für sich als Burnout verbucht. Burnout war okay, eine Diagnose, mit der er umgehen konnte. Aber eine schwere, wiederkehrende Depression, dazu Angststörungen?

Inzwischen hat Uwe Hauck seine Erkrankungen nicht nur akzeptiert. Er und seine Frau gehen bewusst in die Öffentlichkeit. Als Paar. Sie wollen mit ihrer Geschichte für das Thema sensibilisieren. Die Hälfte der an einer Depression Erkrankten erlebt Probleme in der Partnerschaft, davon 45 Prozent sogar eine Trennung. Das zeigt das zweite „Deutschland-Barometer Depression“, eine aktuelle Studie der Deutschen Depressionshilfe und der Deutschen Bahn Stiftung. Schwerpunkt der repräsentativen Befragung war die Auswirkung der Krankheit auf soziale Beziehungen.
 

„Erkrankte lassen sich nicht einfach nur gehen“

Knapp drei Viertel (72 Prozent) der Betroffenen empfinden demnach während einer Depression keine Verbundenheit zu anderen Menschen. Und 73 Prozent der Befragten, deren Partner an einer Depression erkrankt war, entwickelten Schuldgefühle und fühlten sich sowohl für die Erkrankung als auch für die Genesung verantwortlich.
 
Auch Sibylle Hauck suchte anfangs die Schuld bei sich. Ihr Mann war offen und fröhlich gewesen, als sie vor 23 Jahren ein Paar wurden. Mit der Zeit veränderte er sich, wirkte abwesend, wurde gereizt. Und behauptete gleichzeitig immer wieder, dass alles in Ordnung sei. Was also machte sie falsch?
„Man ist als Partner nicht schuld, dass der andere depressiv ist, und man ist auch nicht verantwortlich dafür, ihn da rauszuholen“, betont Professor Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Deutschen Depressionshilfe. „Es ist eine Erkrankung wie andere auch, und für Diagnose und Behandlung sind zunächst einmal die Ärzte zuständig.“ Zu wissen, dass der andere sich nicht einfach nur „gehen lässt“, und dass nicht man selbst, sondern die Krankheit die Schuld trägt, sei elementar wichtig für Angehörige.
Das Familienleben um den Depressiven herumgebaut
Eine Depression ist nichts Exotisches. Fast jede vierte Frau und jeder achte Mann erkrankt der Stiftung zufolge im Laufe des Lebens an einer Form davon. Und all diese Erkrankten sind mit anderen Menschen verbunden. Partner, Familie, Freundinnen – die oft nicht wissen, was los ist, oder wie sie helfen können. „Einfach nur zu signalisieren, ich bin da, wenn du mich brauchst, das hilft“, sagt Uwe Hauck.
Sibylle Hauck hat allerdings noch viel mehr gemacht, und vieles davon, ohne es zu merken. Heute weiß sie: Sie und ihre drei Kinder hatten ihr Leben der Depression des Vaters vollkommen angepasst. Lange bevor sie wussten, dass er krank war. Die Kinder, heute 19, 16 und 14 Jahre alt, wuchsen in der selbstverständlichen Annahme auf, er müsse geschont werden. Alltagslasten hielten sie von ihm fern, denn er reagierte meist gereizt, war nicht richtig anwesend, hatte kein offenes Ohr für die Sorgen der Kinder und keine Kapazitäten, ihnen zu helfen. „Wir haben unser Leben um ihn herum gebaut“, sagt die 47-jährige Frau.
Er hielt sich lieber für charakterschwach als psychisch krank
Die Familie ist immer noch dabei, diese alten Muster aufzubrechen. Zu lernen, dass der Vater Teil der Familie sein will, nicht mehr der Geschonte in der Ecke. Dreieinhalb Jahre nach dem Suizidversuch, 15 Jahre nach einem Entwicklungsgespräch mit seinem Vorgesetzten, bei dem Uwe Hauck unerwartet negative Rückmeldung bekam.
Es gilt der Familie heute als Beginn der Abwärtsspirale. Am Anfang sei es langsam gegangen. Er litt an der Arbeit und am Leben, aber erklärte sich lieber selbst für einen schwachen Charakter als für krank. Die wiederkehrende Depression hat er, wie er inzwischen weiß, seit Jugendzeiten. Sie fühlte sich für ihn an wie ein Teil seiner Persönlichkeit.
2010 hatte er seinen ersten Zusammenbruch: „Ich saß vor dem Computerbildschirm und habe plötzlich nicht mehr verstanden, was ich da sehe“, sagt er. 2013 geschah es wieder, und diesmal sagte der Arzt: Zeit für eine Psychotherapie. „Da fing die Suche nach einem Therapeuten an, und ich fand auch einen, aber der hatte erst in einem Jahr einen Platz frei“, erzählt er.
Lange Wartezeiten bei Psychotherapie
In Deutschland warten Menschen durchschnittlich fast 20 Wochen auf einen Psychotherapieplatz. Außerhalb von Großstädten und im Ruhrgebiet seien die Wartezeiten besonders lang wie die Bundespsychotherapeutenkammer in einer aktuellen Studie darlegt. Die Ursache ist eigentlich positiv: Dank einer erfolgreichen Entstigmatisierung wollen sich mehr Betroffene behandeln lassen. 7000 Praxissitze sind aus Sicht der Psychotherapeuten zusätzlich nötig, um Wartezeiten zu verkürzen.
Für Uwe Hauck kam die Therapie zu spät, um seinen Suizidversuch zu verhindern. Er geriet in einen Strudel, bis er keinen Ausweg mehr sah. Er nahm Tabletten, versuchte, sich die Pulsadern aufzuschneiden, schrieb per Handy verzweifelte Abschiedsbotschaften an seine Frau. Die alarmierte seine Kollegen. Sie fanden ihn rechtzeitig.
Sibylle Hauck war lange im Dauer-Krisenmodus. Erst seit diesem Jahr hat auch sie eine Therapeutin, kann sich wieder mehr um sich selbst kümmern. Was ihr außerdem hilft, sind Spaziergänge mit einer guten Freundin. Und ihr Mann? Uwe Hauck ist zurück in seiner alten Firma, aber in einem anderen Bereich. Weniger Druck. Er hat ein Buch über seine Erfahrung geschrieben, „Depressionen abzugeben“ heißt es. Und er genießt es wieder, mit seiner Familie etwas zu unternehmen. Es geht voran.
Weitere Zahlen und Info:
21 Prozent der 5000 für die Studie befragten Menschen zwischen 18 und 69 sagten, sie hätten schon einmal die Diagnose Depression gehabt. 27 Prozent gaben an, Angehörige oder Bekannte eines Erkrankten zu sein. 34 Prozent sagten, sie hätten noch keinen Kontakt mit der Krankheit gehabt. 84 Prozent der Erkrankten haben sich während der Depression aus sozialen Beziehungen zurückgezogen. Die Deutsche Depressionshilfe betont, dass die Krankheit oft die Ursache und nicht die Folge von Partnerschaftskonflikten sei.
 

Dienstag, 27. November 2018

Andrés Iniesta spricht über Depressionen


Es war die wohl erfolgreichste Zeit seiner Karriere. Doch für Andrés Iniesta hatte das Jahr des Triple-Gewinns mit dem FC Barcelona auch seine Schattenseiten: "Ich hatte den Wunsch, dass die Nacht anbricht."

Der spanische Fußballstar Andrés Iniesta hat im spanischen Fernsehen über Depressionen in seiner Zeit beim FC Barcelona berichtet. Der 34-Jährige hatte sich im Jahr 2009 in psychologische Behandlung begeben und Medikament genommen, um eine depressive Phase zu überstehen.

"Der Drang bei mir, zur Behandlung zu gehen, war so groß, dass ich schon immer 15 Minuten vor Beginn da war", berichtete der einstige Mittelfeldspieler des FC Barcelona in der Sendung "Salvados" im privaten Sender La Sexta TV. Vor allem der Tod des Espanyol-Kapitäns Daniel Jarque aufgrund eines Herzinfarkts im Alter von 26 Jahren im August 2009 habe bei ihm die Depressionen ausgelöst.
Die psychischen Probleme stellten sich bei Iniesta im Jahr des Dreifach-Triumphes aus Pokal-, Liga- und Champions-League-Sieg mit Barcelona 2009 ein: "Ich hatte den Wunsch, dass die Nacht anbricht. Gegen die Depression habe ich eine Tablette genommen, um auszuruhen."
Iniesta, aktuell Teamkollege von Lukas Podolski beim japanischen Erstligisten Vissel Kobe, wurde auch gefragt, ob er an Selbstmord gedacht habe: "Wer mit einer Depression lebt, ist nicht er selbst", sagte er: "Du bist verletzbar, und es gibt sehr schwierige Momente, dein Leben zu kontrollieren."

Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/ex-fc-barcelona-star-andres-iniesta-spricht-ueber-depressionen-a-1240553.html

Montag, 26. November 2018

Stressmanagement: "Keine Methode hilft bei jedem"



Es gibt Menschen, die setzen bei Stress auf Meditation oder Yoga, andere auf Fitness. Jedes gute Stressmanagement braucht aber eine gute Diagnostik und einen individuellen Schwerpunkt in der Behandlung, findet Dr. Uwe Böning von BÖNING-CONSULT. Wir wollten von ihm auch wissen, ob Stress gleich Stress ist. Hat ein Top-Manager anderen Stress als ein Buchhalter?

CONSULTING.de: Herr Böning, Stressmanagement ist das große Dauerthema. So werden immer wieder zahlreiche Selbsthilfe-Bücher und Magazine mit "Tipps & Tricks" für ein gutes Stressmanagement veröffentlicht. Was kann ein Coaching, was ein Buch nicht kann?

Dr. Uwe Böning: Coaching kann die Selbstreflexion durch einen vertiefenden Dialog in der Regel wesentlich mehr anregen als nur ein Buch – auch wenn dessen Wirkung nicht zu unterschätzen ist. Aber Bücher sind einkanalig und nicht dialogisch. Durch das Gespräch mit einem lebenden, zugewandten Menschen mit professioneller Ausbildung und Erfahrung können Individuen spezifischer angesprochen und im Verlauf der Gespräche Fragen auch geklärt werden. Es hängt immer vom Typus ab: Es gibt Menschen, die eher nachdenken und reflektieren als reden – und so zu Ihren Gefühlen kommen, um dann Veränderungen einzuleiten. Aber Achtung: Die meisten Menschen sind eher "Interaktionisten", die leichter zu erreichen sind durch ein Gespräch als durch ein Buch. Andererseits: Bücher können grandiose, tolle Gedanken wunderbar vermitteln. Für Liebhaber der Sprache sind Bücher oft hinreißender, weil lange an der Darstellung von Gedanken, Gefühlen und Erlebnissen gearbeitet werden konnte. Deshalb und wie immer im Leben: Es kommt einfach darauf an.

CONSULTING.de: Wie sieht denn ein gutes Stressmanagement "à la Böning" aus?

Dr. Uwe Böning: Jedes gute Stressmanagement braucht eine gute Diagnostik, einen sehr individuellen Schwerpunkt in der Behandlung und eine konsequente Begleitung und Betreuung für den Transfer in den Alltag: Einsichten allein genügen in der Regel nicht. Keine Methode hilft bei jedem. Für ein gutes Stressmanagement suchen wir immer die Ansätze auf drei Ebenen: der gedanklich-emotionalen, der vegetativen und der muskulären Ebene. Mit anderen Worten: Ganzheitlichkeit des stressmindernden Vorgehens bedeutet für uns immer ein Gesamtpaket, das nicht nur Stressauslöser beachtet, sondern immer auch die individuellen Verarbeitungsmechanismen berücksichtigt und bearbeitet. Und die Erhöhung der Selbststeuerung des einzelnen Betroffenen gehört einfach dazu. Deshalb ist eine Methodenvielfalt dringend vonnöten. Das, was Tante Maria geholfen hat, muss Jack oder Yvonne gar nichts nützen und umgekehrt. Deshalb: Nicht Meditation oder Yoga zur Beruhigung für die "Aktionisten", sondern für die "Denker" mit hoher Selbstkontrolle. Und Fitness-Training nicht brachial für die alle, die Herz-Kreislauf-Beschwerden haben. Sondern jedem das seine und das nach ausführlicher Diagnostik.

CONSULTING.de: Ist Stressmanagement gleich Stressmanagement? Oder so gefragt: Hat ein Top-Manager anderen Stress als ein Buchhalter?

Dr. Uwe Böning: Ihre Frage verweist auf ein weitverbreitetes Missverständnis: Beim Stress kommt es nicht nur auf den Stressor an, also den Auslöser, sondern auf drei weitere Aspekte: 1. die Grundeinstellung des Beteiligten, wie er mit dem Stressor umgeht, d.h. welche Einstellung er dazu hat. 2. kommt es auf das schon bestehende Stressniveau an. Wer schon hoch belastet oder gereizt ist, der empfindet mehr zusätzliche Belastung als jemand, der entspannt, gelassen und selbstbewusst ist, wenn ein Zusatz-Stressor ihn trifft. Und 3.: ein selbstbewusster Mensch reagiert spontaner mit richtigem Verhalten, weil er sich per se mehr traut, intuitiv etwas Richtiges auszuprobieren. Deshalb hat ein Topmanager in der Regel nicht die gleiche Belastung auf den gleichen Stressor wie ein Mittelmanager oder ein Buchhalter. Der Grund ist klar: Sein Ausgangs-Stressniveau ist niedriger, sein Selbstbewusstsein größer und er verfügt im Allgemeinen über ein größeres Handlungsrepertoire. Deshalb ist seine Belastung meistens niedriger. Aber beide können lernen, ihre Fähigkeiten zur Stressregulation noch zu verbessern.

CONSULTING.de: Viele, die an Burnout erkrankt sind, sind in diesen Erschöpfungszustand geraten, weil ein früher gelerntes Verhalten dies begünstigt, Stress bringt sie an den Rand ihrer Kräfte. Andere leiden überhaupt nicht darunter. Wie begegnen Sie diesem Zustand in ihren Coachings?
Dr. Uwe Böning: Das hängt sehr stark vom konkreten Verständnis ab, was man unter Burnout versteht. Burnout ist nicht identisch mit einer Depression, sondern zuerst einmal ein grenzüberschreitender Zustand nach einer langanhaltenden Überforderung, gerade aus dem Arbeitsbereich, mit der die oder der Betreffende nicht mehr zurecht kommt. Depressionen können überlappende Symptome zum Burnout aufweisen, können aber auch andere Ursachen haben, z.B. grenzwertige Verlusterfahrungen. Allerdings gibt es bei Depressionen auch die klassische und nicht unumstrittene Unterscheidung zwischen endogenen und exogenen Depressionen. Hier befinden wir uns aber in einem Grenzbereich, wo sich der Laie aus der Diagnostik besser heraushalten und sie den entsprechenden Fachleuten überlassen sollte, nämlich Psychologen, Ärzten und Psychiatern. Ohne saubere Diagnostik kann hier kein Behandlungsplan aufgestellt werden.
Eine nach unserem Stress-Verständnis wirklich ganzheitliche Coaching-Vorgehensweise kann bzw. sollte Verschiedenes umfassen: körperlich aktivierende Fitness-Anteile, konkrete Aufgaben zur besseren Bewältigung der Arbeitsanforderungen durch ein verbessertes Zeitmanagement, Optimierung des erholenden Schlafverhaltens, Entwicklung von guten Selbstverstärkungs-Strategien, Erörtern und Angehen konkreter berichteter Schwierigkeiten, Setzen realistischer Ziele auf der psychologischen Seite. Wenn die körperlichen und/oder psychologischen Symptome sehr auffallend sind, sind eine ärztliche Untersuchung oder auch eine psychiatrisch-medizinische Behandlung ergänzend oder schwerpunktmäßig hinzuzuziehen. Ob es eindeutige physiologische Marker zur Unterscheidung von Burnout und Depression gibt, ist derzeit noch sehr umstritten und stark in der Diskussion. Unsere Kunden sind überwiegend gesund, wenn auch stressbelastet. In Grenzfällen überweisen wir an Ärzte.

CONSULTING.de: Vielen Dank für das Gespräch!
 

Freitag, 23. November 2018

Gemeinsam zum Burnout



Die Schulleiterin muss nicht lange überlegen. Auf die Frage, was sich an ihrer Grundschule durch das gemeinsame Lernen von Kinder mit und ohne Handicap geändert hat, sagt sie: „Die Unzufriedenheit meiner alten Lehrerschaft.“ Es gebe viele Pädagogen, „die einfach sagen, die können das nicht mehr, sie schaffen das nicht mehr.“ Auf der anderen Seite sei da aber auch „die Freude, wenn man sieht, was man erreichen kann, wenn man Unterstützung hat und wenn alle Lehrer an Bord sind.“

Schulleiter und Eltern wurden befragt

30 Schulleiter von Grund-, Ober- und Gesamtschulen aus allen Landkreisen Brandenburgs hat Bildungsexperte Wilfried Steinert telefonisch interviewt. Er hat mit Koordinatoren für gemeinsames Lernen gesprochen, online 195 Elternvertreter befragt und Statistiken ausgewertet, um den aktuellen Stand bei einem Bildungsthema zu evaluieren, das Brandenburg einige Jahre viel beschäftigt hat, über das im Landtag und bei Bürgerforen gestritten wurde – und über das man seit einiger Zeit nicht mehr viel hört: Inklusion. Dass es so still geworden ist um den gemeinsamen Unterricht von Schülern unterschiedlichster Förderbedürfnisse liegt wohl weniger daran, dass inzwischen alles läuft. Ganz im Gegenteil: Der Inklusionsprozess ist in Brandenburg ins Stocken geraten, wie ein am Dienstag vorgestelltes Gutachten Steinerts im Auftrag der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen aufzeigt.

Inklusion ist akzeptiert, aber bei der Umsetzung gibt es Probleme

Der Wille, auch Kindern mit Behinderung oder Verhaltensauffälligkeiten einen Platz an der Regelschule zu bieten, wie es die UN-Behindertenrechtskonvention seit 2009 auch in Deutschland verlangt, ist bei Brandenburgs Lehrern da. Aber: Der Lehrermangel, das Fehlen von geeigneten Räumen und rechtlichen Vorgaben im Schulgesetz verleiden den Schulen die Arbeit – und führen auch zu Unzufriedenheit bei den Eltern. Und zwar nicht nur bei denjenigen, deren Kind eine Behinderung hat.

Steinert: "Es droht ein personeller Kollaps"

„Die Lehrkräfte an den Brandenburger Schulen stehen vor dem Burnout. Ein personeller Kollaps droht“, warnt Steinert. In 60 Prozent der Schulen fehlt Personal. 47 Prozent der Schulleitungen beklagen, dass zu wenig Sonderpädagogen an den Schulen sind. Ein Drittel bemängelt, dass es auch an unterstützendem pädagogischen Personal und Schulassistenzen mangle. „Fehlende Vertretungsreserven verschärfen das Personalproblem, weil im Krankheitsfall Förder- und Teilungsstunden als erstes wegfallen“, heißt es in der Studie. Klassengrößen würden oft nicht eingehalten. Die befragten Eltern schätzen die Personalsituation dabei noch dramatischer ein als die Rektoren. Der Personalmangel, der mit Seiteneinsteigern abgemildert werden soll, verhindere „eine gute Bildung für alle“, so Steinert. Auch Schüler ohne Förderbedarf und besonders Begabte litten unter der Situation.
 


Gewinner des Deutschen Schulpreises

Wilfried Steinert ist dabei nicht irgendwer. Er ist einer der profiliertesten Bildungsexperten in Brandenburg. Er war Leiter der Waldhofschule in Templin (Uckermark), die 2010 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde – unter anderem für ihren integrativen Ansatz. Er ist Mitglied im Sprecherrat des „Expertenkreises Inklusive Bildung“ der Deutschen UNESCO-Kommission und Sprecher des wissenschaftlichen Fachbeirats „Inklusive Bildung“ beim Brandenburger Bildungsministerium, dem er schon 2015 ins Aufgabenheft diktiert hat: „Die Mark war auf dem Weg, bei Inklusion eine Vorreiterrolle einzunehmen. Aber Brandenburg ist bei dem Thema steckengeblieben.“

Die Zahl der Förderschüler an Regelschulen steigt

Vier Jahre später hat sich zwar etwas getan, aber – so die Einschätzung von Lehrern, Eltern und Experten, immer noch zu wenig. So hat der Anteil behinderter Schüler, die keine Förderschule besuchen, kontinuierlich zugenommen. Im Schuljahr 2009/10 besuchten 36 Prozent den gemeinsamen Unterricht, 2015/16 waren es schon 47 Prozent und inzwischen lernt gut die Hälfte aller Kinder mit Förderbedarf an einer Grund- oder weiterführenden Schule. Nach Angaben des Bildungsministeriums sind von den insgesamt 915 Brandenburger Schulen 188 „Schulen für gemeinsames Lernen“.

Schwierigkeiten mit den Jugendämtern

Inklusion wird selbstverständlicher – zumindest an den Schulen. Denn in vielen Landkreisen werde der UN-Behindertenrechtskonvention noch nicht genügend Rechnung getragen, wie die Studie ergibt. Die Zusammenarbeit mit den Jugendämtern bewerten viele der befragten Schulleiter als schwierig, auch wenn 90 Prozent von ihnen das gemeinsame Lernen grundsätzlich positiv sehen.

Grüne fordern mehr Engagement des Landes

 

Die Hälfte der befragten Eltern beurteilen Inklusion an den Schulen ihrer Kinder mindestens mit ausreichend, fast 72 Prozent der Eltern sind der Meinung, dass Inklusion ein Menschenrecht ist, das auch in Brandenburg verwirklicht werden muss. Es gehe also bei Inklusion nicht mehr um das „Ob“, sondern um das „Wie“, erklärte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Marie Luise von Halem. Wichtig sei unter anderem, die Schulen nicht aus dem Blick zu verlieren, die sich nicht am Modellprojekt „gemeinsames Lernen“ beteiligen und folglich nicht mit mehr Personal ausgestattet werden. Gemeinsamer Unterricht finde nicht nur an den Modellschulen statt. Auch eine Ombudsstelle, die Eltern und Lehrer berät, müsse eingerichtet werden. Damit nicht genug: Das Thema Inklusion müsse ganz oben gebündelt werden, fordern die Grünen und Gutachter Steinert. Die Landesregierung solle eine Stabstelle „Inklusion“ beim Ministerpräsidenten einrichten und das Schulgesetz so umschreiben, dass Inklusion nicht mehr unter Finanzierungsvorbehalt stehe.

Ministerium ist mit dem Prozess zufrieden

Versäumnisse beim früheren Dauerbrennerthema Inklusion sah man im Bildungsministerium zuletzt nicht. Sie sei insgesamt sehr zufrieden mit der Entwicklung beim gemeinsamen Lernen, hatte Bildungsministerin Britta Ernst (SPD) vor vier Wochen in einem PNN-Interview erklärt. Sie trete bei dem Vorhaben nicht auf die Bremse, vielmehr sollten die Schulen über das Tempo entscheiden. „Inklusion kann man nicht von oben überstülpen. Das klappt nur, wenn auch Akzeptanz da ist. Gründlichkeit geht in dem Fall vor Schnelligkeit“, sagte Ernst.
Zu der nun vorgelegten Studie der Grünen wollte sich das Ministerium am Dienstag noch nicht äußern. Man wolle sich das Gutachten erst genauer anschauen, so Ministeriumssprecher Ralph Kotsch.

Quelle: https://www.pnn.de/brandenburg/studie-zu-inklusion-in-brandenburg-gemeinsam-zum-burnout/23660796.html

Sonntag, 18. November 2018

Psychisch krank? Auf die Diagnosehandbücher kommt es an


Diagnosehandbücher sind ein Werkzeug der Psychiatrie. Was gesund und was schon krank ist, darüber gibt es zwischen Europa und den USA einen Expertenstreit

Schon bevor sie 2013 erschienen war, sorgte sie für Zündstoff: die fünfte Version der amerikanischen Diagnosebibel der Psychiatrie, das Diagnostische und Statistische Handbuch Psychischer Störungen (DSM). Es würden immer mehr Krankheiten aufgenommen und bereits vorhandene Kriterien so weit aufgeweicht – etwa bei ADHS -, dass die Grenzen zwischen "geistig gesund" und "krank" immer weiter verschwimmen, so Kritiker. Vor allem der amerikanische Psychiater Allen Frances führte einen regelrechten Feldzug gegen DSM-5.

Das DSM bildet die Grundlage für die Diagnosen in den USA. Wollen hingegen Psychiater in Europa eine Diagnose stellen, greifen sie auf die International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD) zurück. Kürzlich hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach 26 Jahren eine neue Version veröffentlicht. Die ICD-11 soll im nächsten Jahr auf der Weltgesundheitsversammlung verabschiedet und offiziell ab Jänner 2022 gelten.

Das Diagnosehandbuch enthält auch einen großen Abschnitt über psychische Störungen und steht unter dem Einfluss des amerikanischen Handbuchs. Muss man also befürchten, dass Europa eine Diagnoseinflation bei psychischen Erkrankungen droht?

Trauer als Depression

Ein Stein des Anstoßes im Vorfeld des Erscheinens des amerikanischen Handbuchs war die Möglichkeit, eine mehr als zwei Wochen andauernde tiefe Trauer als Depression zu diagnostizieren. Normale Trauerreaktionen würden auf diesem Weg pathologisiert, lautete die Kritik.
"Vor dem DSM-5 war es so", sagt Johannes Wancata, Professor für Sozialpsychiatrie an der Med-Uni Wien: "Wenn jemand alle Kriterien einer schweren Depression erfüllt hat, aber innerhalb der letzten beiden Monate einen Trauerfall hatte, so galt dies als Ausschließungsgrund." Eine Depression konnte demzufolge nicht diagnostiziert werden, wenn sich die Symptome durch eine Trauerreaktion erklären ließen.
"Dieses Ausschließungskriterium der Trauer hat man im DSM-5 gestrichen." Das bedeutet, dass Trauernde nun gemäß für eine schwere Depression bereits zwei Wochen nach dem Tod einer nahestehenden Person eine Depressionsdiagnose erhalten können.

Bandbreite von Depression

Um zu sehen, ob im Zuge des DSM-5 eine Diagnoseinflation bei der Depression droht, hat sich Johannes Wancata einen Datensatz aus einer seiner Studien angeschaut. Und hier hätte sich mit den Kriterien von DSM-5 nur marginal etwas verändert. Denn nur bei einem von 1000 Patienten zusätzlich würde die Diagnose einer schweren Depression vergeben werden. "Die vor der Veröffentlichung des DSM-5 geäußerte Vermutung, die Rate der Depressionsdiagnosen würde sprunghaft ansteigen, war also nicht sehr realistisch."
In der nun neu veröffentlichten ICD-11 hat man für die Trauer eine andere Lösung gefunden und die Diagnose "Anhaltende Trauerreaktion" eingeführt. "Sie fordert für die verlängerte Trauerreaktion ein definiertes Bild schwerer psychischer Beeinträchtigung nach mindestens sechs Monaten", sagt Wolfgang Gaebel, Psychiater und ehemaliger ärztlicher Direktor des LVR-Klinikum Düsseldorf. Er hat sowohl am DSM-5 als auch an der ICD-11 mitgearbeitet.
Gaebel verteidigt die neue Diagnosemöglichkeit. Wenn jemand im Rahmen einer Trauerreaktion nach einem Todesfall eine ausgeprägte depressionsartige psychische Störung entwickle und aufgrund einer solchen Diagnose eine hilfreiche therapeutische Unterstützung erfahren könne: "Wo wäre denn hier das Problem?"

"Milde Störung"

Gaebel rechtfertigt aber auch noch eine andere umstrittene Diagnose. Im Alter schwinden bekanntlich die geistigen Fähigkeiten. Besonders das Gedächtnis lässt nach. Stärker ausfallende Leistungseinschränkungen lassen sich nun in Zukunft als "milde neurokognitive Störung" diagnostizieren.
Die ICD-11 folgt hier dem Beispiel des amerikanischen DSM. Die Idee dahinter: Es könnte sich in solchen Fällen um ein Vorstadium einer Demenz handeln, der man im Zuge einer Diagnose präventiv begegnen könnte. "Das ergibt Möglichkeiten einer besseren Verlaufsüberwachung, adäquateren Versorgung entsprechender vorhandener Möglichkeiten sowie weiterer Therapieentwicklung und künftig zielgerichteter Behandlung und Prävention", sagt Wolfgang Gaebel.
Johannes Wancata sieht das anders: "Die Idee, auf diesem Weg Frühstadien einer Demenz zu erkennen, um damit das Auftreten des Vollbilds der Erkrankung vorzubeugen, ist grundsätzlich nicht schlecht." Doch bisher gebe es keine Hinweise, dass dies gelingen kann.

Diagnosen aufgeweicht

Ähnlich äußert sich auch die Psychiaterin Christa Rados, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik: "Eine leichte kognitive Störung ist nach derzeitigem Wissenstand nicht zwingend ein Frühstadium einer Demenz."
Trotz einiger im Detail strittiger Punkte: Eine echte Diagnoseinflation wird wohl so oder so nicht drohen. Die Warnungen davor waren schon in Bezug auf das amerikanische Diagnosehandbuch ein wenig übertrieben. "Die Befürchtungen, die psychiatrischen Diagnosen würden durch DSM-5 aufgeweicht und gesundes Verhalten würde pathologisiert, haben sich aus heutiger Sicht nicht bewahrheitet", sagt Christa Rados.
Die damalige mediale Vermutung, es stünden vordringlich Interessen der Pharmaindustrie dahinter und Psychiater würden Krankheiten "erfinden", hätten sie und andere Psychiater immer ein wenig absurd gefunden. "Es gibt schließlich mehr als genug Krankheitsbilder in unserem Fachgebiet. Und wir sind ausreichend damit beschäftigt, alle Patienten gut versorgen zu können."

Psychopharmaka oder Psychotherapie

Zudem liegen in psychiatrischer Hinsicht immer noch Welten zwischen den USA und Europa. In den Vereinigten Staaten hat die Psychiatrie und insbesondere die Psychotherapie einen ganz anderen Stellenwert. Zumindest im privaten Gesundheitssektor ist es dort schon länger üblich, zum Psychiater oder zum Psychotherapeuten zu gehen.
Das schlägt sich auch in den Verschreibungszahlen von Psychopharmaka, etwa von Antidepressiva, nieder. Mittlerweile greifen rund 13 Prozent aller US-Amerikaner, die zwölf Jahre alt oder älter sind, zu Pillen.
Einer der Gründe für die hohen Zahlen: In USA ist anders als in Europa bei den Verbrauchern die Direktwerbung für rezeptpflichtige Arzneimittel erlaubt. Seit 1997 ist zusätzlich die Fernsehwerbung freigegeben. Auf diesem Weg können die Pharmafirmen selbst die Bevölkerungsgruppen erreichen, die keine Printmedien nutzen. In den ersten drei Jahren nach der Freigabe stiegen die Umsätze für Psychopharmaka um das Zweieinhalbfache.

In Europa tabuisiert

In Europa ist die Situation anders. "Hier ist die Psychiatrie bis heute tabuisiert", erklärt Christa Rados, "das scheint sich aber allmählich zu ändern und schlägt sich auch in der Behandlung nieder." Die Verschreibungszahlen von Antidepressiva hat in Europa ebenfalls in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen, aber auf niedrigerem Niveau. In Deutschland etwa kletterte einer OECD-Statistik von 2015 zufolge die Zahl der Verschreibungen von Antidepressiva von 20 Tagesdosen je 1000 Einwohner im Jahr 2000 auf 53 Tagesdosen im Jahr 2013.
In den steigenden Verschreibungszahlen sieht Christa Rados allerdings eher keinen Grund zur Sorge. Schließlich seien die Krankheiten, bei denen Antidepressiva indiziert sind – vor allem Angststörungen und Depressionen -, in der Bevölkerung überaus verbreitet. Vielmehr gebe es bei den Erkrankungen nach wie vor ein therapeutisches Defizit – vor allem wenn man auch ein gewisses Maß an Fehlverschreibungen miteinkalkuliere: "Etwa wenn beispielsweise Menschen in schwierigen Lebensumständen, aber ohne depressive Erkrankung Antidepressiva verschrieben bekommen in der meist falschen Hoffnung, ihre Stimmung würde sich dadurch verbessern."

Gravierender Mangel

Hier sei besondere Expertise gefragt. "Leider besteht vor allem abseits der Ballungszentren ein gravierender Mangel an psychiatrischen Fachärzten, die gerade bei schwierigen Differenzialdiagnosen und in komplexen Fällen zurate gezogen werden sollten."
Folgt man dieser Einschätzung, droht den Staaten in Europa insgesamt keine Diagnoseinflation. Steigende Diagnosen und Behandlungen wären – teilweise zumindest – eher Ausdruck eines gewissen Nachholbedarfs. (Christian Wolf, CURE, 17.11.2018)

Quelle: https://www.derstandard.de/story/2000085463251/psychisch-krank-auf-die-diagnosehandbuecher-kommt-es-an

Samstag, 17. November 2018

Der stille Burnout


Ein psychischer Zusammenbruch erfolgt meist nicht plötzlich und ohne Vorwarnung, sondern kündigt sich langsam an: Der stille Burnout ist die erste Stufe vor dem großen Knall. Wer die Anzeichen kennt, kann dagegen steuern und sich vor dem endgültigen Burnout schützen.
Stress, Überlastung, permanenter Zeitdruck und kein Raum mehr für Entspannung – das sind die Bedingungen, die dem stillen Burnout den Weg ebnen. Bei folgenden Anzeichen wisst ihr, dass ihr schnellstens die Notbremse ziehen solltet und auf euch und eure seelische Gesundheit achten solltet:
  • Ungeduld wird immer größer
  • Ständige Unzufriedenheit und Selbstzweifel
  • Work-Life-Balance ist im Ungleichgewicht
  • Permanente Erreichbarkeit als Priorität
  • Geräuschempfindlichkeit ist größer als sonst
  • Konzentrationsmangel sowohl im Büro als auch privat
  • Nächtliches Grübeln sorgt für Schlaflosigkeit
Stillen Burnout behandeln
Wenn ihr bei euch Symptome der psychischen Erkrankung erkennt, solltet ihr eurer Seelenpflege mehr Zeit einräumen. Natürlich kann man nicht gleich sein ganzes Leben ändern, aber Entspannungstechniken wie autogenes Training oder eine einfache Meditation helfen, den Stresspegel zu senken und sind leicht in den Alltag zu integrieren.
Wer allerdings schon zu sehr in der Abwärtsspirale gefangen ist, sollte sich professionelle Hilfe holen, denn aus einem stillen Burnout kann sich leicht ein kompletter psychischer Zusammenbruch mit Panikattacken und Depressionen entwickeln. Wer therapeutische Hilfe benötigt, kann sich zunächst an den Hausarzt oder die Hausärztin wenden und wird dann weitergeleitet, um eine Psychotherapie zu erhalten.

Quelle: https://www.suedtirolnews.it/unterhaltung/wer-haette-das-gedacht/der-stille-burnout

Freitag, 16. November 2018

Versagensangst oft Burnout-Auslöser


Das The­ma Bur­nout und De­pres­si­on be­trifft vie­le. Der Vor­trags­saal im al­ten Rat­haus war am Di­ens­ta­g­a­bend kom­p­lett be­setzt. Die Ver­an­stal­ter von Volks­hoch­schu­le und Uni­ver­si­täts­bund hat­ten ei­nen Ex­per­ten für den Vor­trag ge­won­nen, den Pri­vat­do­zen­ten And­reas Men­ke, lei­ten­der Ober­arzt an der Psy­ch­ia­trie des Uni­ver­si­täts­k­li­ni­kums Würz­burg.

Wie wichtig das Thema ist, machte dieser anhand einer Studie der Techniker-Krankenkasse zur Stresslage der Nation deutlich. Die Zahlen zeigten, dass quer durch die Bevölkerung der Stresslevel hoch ist und noch weiter steigt. Nur vier Prozent der Befragten gaben an, sie seien nie gestresst.
Stress ist ein wichtiger Faktor beim Auslösen von Burnout und Depressionen. Der Mediziner erklärte, er begrüße in gewissem Maße die Tatsache, dass Burnout quasi eine Modeerscheinung geworden sei, im Gegensatz zur Depression, die immer noch mit einem gewissen Stigma behaftet sei. Denn wo jemand zögern würde, wegen einer möglichen Depression ärztliche Hilfe zu suchen, falle es vielen Menschen leichter, mit einem Burnout zum Arzt zu gehen.

Hand in Hand mit Depression
Die typischen Anzeichen eines Burnout seien verminderte Leistungsfähigkeit, emotionale und körperliche Erschöpfung und eine gleichgültige, negative und zynische Haltung gegenüber Arbeit und Mitmenschen. Oft bestehe auch das Gefühl, beruflich zu versagen, obwohl das objektiv gar nicht so ist. Ein Burnout gehe meist Hand in Hand mit einer Depression, bei der diese Symptome ebenfalls auftreten. Allerdings gebe es verschiedene Depressionsformen mit teils unterschiedlichen Ausprägungen. Grundsätzlich sei eine anhaltende Depression etwas anderes als Stimmungsschwankungen oder vorübergehende Traurigkeit. Es handle sich um eine echte Krankheit, die aber heutzutage gut behandelbar sei. Das Risiko, an einer Depression zu erkranken, hänge ab von einer Kombination aus genetischen Faktoren und negativen Lebensereignissen, insbesondere traumatische Kindheitserlebnisse erhöhen das Risiko.
Frühwarnsymptome seien Veränderungen des gewohnten Schlafmusters, des Sozial- oder Konsumverhaltens, Konzentrationsstörungen oder generell eine Änderung der bisherigen Tagesstruktur.

Starke Nebenwirkungen
Menke stellte die Medikamente vor, die für die Behandlung von Depressionen zur Verfügung stehen. Dabei hätten leider die Mittel, die am effektivsten wirkten, auch die stärksten Nebenwirkungen Am meisten gefürchtet seien hier typischerweise sexuelle Funktionsstörungen und Gewichtszunahme. Heutzutage gebe es aber auch nebenwirkungsarme Medikamente, die oft gut wirkten, das müsse immer individuell eingestellt werden. Von pflanzlichen Mitteln wie dem stimmungsaufhellenden Johanniskraut riet der Mediziner ab, da dies die Wirksamkeit von anderen Medikamenten wie Antibabypille oder Gerinnungshemmern beeinträchtige.

Kognitives Training
Weitere Behandlungsmöglichkeiten seien kognitives Training, Ergotherapie, Sport und eine feste Tagesstruktur. Man müsse auf Stressreduktion achten, wobei akute Ereignisse weniger kritisch seien, von denen könne man sich oft wieder erholen. Doch wenn Probleme in Beruf, Partnerschaft oder Familie chronisch werden, »dann muss man etwas tun.«
Menke sieht aus seiner Erfahrung bei mittelschweren Depressionen die besten Chancen in der Kombination von medikamentöser und psychologischer Behandlung. Er favorisiert dabei die sogenannte kognitive Verhaltenstherapie, bei der individuell und pragmatisch auf die Probleme des Patienten eingegangen wird.

Quelle: https://www.main-echo.de/regional/kreis-main-spessart/art490827,6546537