Sonntag, 28. April 2019

Höher, schneller, Burnout


Zahl der Krankentage bei psychischen Beschwerden binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Linke und DGB werfen Bundesregierung Untätigkeit vor

Höher, schneller, besser – und davon immer mehr: Der Konkurrenzkampf am Arbeitsmarkt ist hart. Der Leistungsdruck wächst, und viele Lohnabhängige müssen sich immer stärker auch geistig und emotional in den Prozess einbringen. Das wirkt sich auf die Psyche aus. Überlastung, Depression, Burnout heißen die modernen Diagnosen. So verzeichneten die Krankenkassen 2017 mit 107 Millionen bereits mehr als doppelt so viele Krankentage aus diesen Gründen wie noch zehn Jahre zuvor (knapp 48 Millionen). Das geht aus einer Antwort der Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) an die Fraktion Die Linke im Bundestag hervor, die jW vorliegt.
Damit sind seelische Probleme nach Muskel- und Skeletterkrankungen der zweithäufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit. Am häufigsten davon betroffen sind den Daten zufolge ältere Beschäftigte. So fehlte jeder Mann zwischen 60 bis 64 Jahren 2008 im Schnitt 1,26 Tage pro Jahr wegen psychischer Probleme. Im Jahr 2017 waren dies bereits 4,34 Tage pro Jahr und Kopf. Bei Frauen dieser Altersgruppe stieg die Zahl der Krankentage pro Person im selben Zeitraum von 1,26 auf 2,9. Für die Frühverrentung sind seelische Erkrankungen sogar die häufigste Ursache. Im vorvergangenen Jahr betraf dies mit 71.300 Menschen rund 43 Prozent der vorzeitig wegen geminderter Erwerbsfähigkeit aus dem Beruf Ausgeschiedenen.
Auch branchenbezogen gibt es große Unterschiede. Das BMAS zitiert dazu aus Befragungen durch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA). Danach befördern vor allem gravierender Termin- und Leistungsdruck, sehr hohes Arbeitstempo, besondere emotionale Anforderungen und häufige Unterbrechungen der Tätigkeit psychische Erkrankungen. Dem fühlten sich besonders Sozialarbeiter, Lehrer und Freiberufler im wissenschaftlichen und technischen Bereich ausgesetzt, gefolgt von Beschäftigten in der Gastronomie, der Versicherungsbranche, im Logistik- und Transportgewerbe sowie im IT-Bereich.

Diese Entwicklung wird auch für das Kapital zum Bumerang. In ihrem letzten Jahresbericht schätzte die BAuA die Kosten für dadurch bedingten Ausfall in der Produktion und der Bruttowertschöpfung auf insgesamt knapp 34 Milliarden Euro. Zehn Jahre zuvor lag diese Summe noch bei rund 12,4 Milliarden Euro. In diesem Zeitraum stieg auch der Anteil der durch psychische Probleme verursachten an allen krankheitsbedingten wirtschaftlichen Ausfallkosten von elf auf 16 Prozent.
Auf die Frage nach einem schriftlichen »Konsens« zwischen Politik, Arbeiter- und Unternehmensvertretern aus dem Jahr 2013 gab sich das BMAS reserviert. Es gebe noch Prüfbedarf, teilte es mit. Und: »Betriebliche Gehaltslösungen könnten eher zum Ausgleich von Anforderungen vorhandenen Ressourcen beitragen.« Damals hatten der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), das BMAS und die Arbeitgeberverbände zwar ein »gemeinsames Grundverständnis von psychischer Belastung in der Arbeitswelt« bekundet. Letztere hatten allerdings eine vom DGB vorgeschlagene Antistressverordnung abgelehnt und sich lediglich bereit erklärt, mit den Kassen stärker zu kooperieren. Das verpflichtet sie jedoch zu nichts.
Die Linke-Abgeordnete Jutta Krellmann spricht sich ebenfalls für eine solche Verordnung und flächendeckende Arbeitsschutzkontrollen aus, da »Beschäftigte über ihre Belastungsgrenze getrieben« würden. Unternehmen setzten sie immer stärker unter Druck und forderten mehr Flexibilität. »Auch der ökonomische Schaden wird größer, und die Bundesregierung schaut Däumchen drehend zu«, kritisierte Krellmann. Konsequenzen forderte auch DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Sie bezeichnete die Untätigkeit der Regierung als »Frechheit«. »Flexibilität, Arbeitsstress und Verdichtung als Risikofaktoren für psychische Erkrankungen befinden sich seit Jahren auf hohem Niveau, und dieses Problem wird sich nicht von selbst in Luft auflösen«, so Buntenbach.

Quelle: https://www.jungewelt.de/artikel/351861.h%C3%B6her-schneller-burnout.html

Mit Zimmerpflanzen gegen Depressionen

Zimmerpflanzen galten lange als spießig und verstaubt. Jetzt kehren sie zurück als grüne Gefährten in Sozialen Netzwerken.
 
Katzendamen sind passé. „Plant lady is the new cat lady“, steht auf der grünen Brosche in Form eines Pflanzenblatts, die auf einem Pinboard in Sarah Remskys Wohnung befestigt ist. Remsky ist 25, angehende Journalistin, hat in Köln, London und Berlin gelebt, studiert Internationale Beziehungen an der FU Berlin – und: Ihr Zuhause ist ein urbaner Dschungel.
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50 bis 60 Pflanzen ranken sich aktuell in Remskys 45-Quadratmeter-Wohnung in Wedding die Wände hoch. „Normalerweise sind es doppelt so viele“, erzählt Remsky, doch die eine Hälfte steht schon in Köln bei ihrem Vater, wo die Studentin ihre Masterarbeit schreiben wird. Mit einem Kombi hat er sie dorthin transportiert. Wenn ihr Vater die Pflanzen hütet, hat sie ein gutes Gefühl. „Er hatte schon immer einen grünen Daumen“, sagt sie. Obwohl er selbst eher Drachenbäume oder Grünlilien hat, „so typische 90er- Jahre-Spießer-Zimmerpflanzen, die rumstehen und verstauben“, sagt Remsky und rollt nachsichtig mit den Augen.

Die Zimmerpflanzen von Remsky sind alles andere als gewöhnlich. Sie sind exotisch, kommen aus Thailand, Brasilien oder Kolumbien, haben klingende Namen wie Alokasie, Calathea oder Begonia Corallina und sie brauchen eine ganz besondere Fürsorge. Kurzum: Sie sind die Perserkatzen unter den Zimmerpflanzen. Tagsüber stehen sie im Rampenlicht diverser Vollspektrum- oder Blau-Rot- Spektrum-Lampen – Lichtquellen, die die Fotosynthese unterstützen.

Der Luftfeuchtigkeitsmesser auf einem der Pflanzenregale zeigt 37 Prozent. „Oh, das ist viel zu wenig, es sollten 60 oder 70 Prozent sein“, sagt Remsky, springt auf und schaltet ein Gerät an, das nun anfängt, nach und nach kalten Dampf zu versprühen. „Der Luftbefeuchter wurde eigentlich für Babyschlafzimmer entwickelt“, erklärt Remsky.

Angefangen hat alles mit einer Monstera

Tatsächlich versteht sie sich als Pflanzenmama. Auf Instagram postet sie unter dem Namen @misscalathea und verwendet unter ihren Bildern Hashtags wie #proudplantmom, #crazyplantlady oder #planterina. Und damit ist sie keine Einzelgängerin. Unter dem Hashtag #urbanjungle finden sich mehr als zwei Millionen Bilder von sogenannten Plantstagrammern.
Tropische Zimmerpflanzen erobern die sozialen Netzwerke und die Großstädte. Ein städtischer Urwald in den eigenen vier Wänden, ein grüner Rückzugsort inmitten von Beton und Trubel. „Man enturbanisiert sich zu Hause“, so beschreibt es Remsky. Menschen wie sie holen sich den Dschungel nach Berlin. Oder nach New York, nach London oder Melbourne.
Angefangen hat das bei Remsky im vergangenen August mit einer Monstera. Damals hatte sie keinen Schimmer, dass diese mondäne Pflanze mit den auffällig geschlitzten tiefgrünen Blättern den Namen Monstera trägt und dass Remsky selbst einmal diverse Monstera-Blätter aus Ton formen und sich ins Regal stellen oder montags auf Instagram Bilder zum #monsteramonday posten würde. Remsky befand sich in einer beginnenden Depression und wollte sich etwas Gutes tun. Sie hatte die Pflanze bei einem Inneneinrichtungsblogger gesehen, fand sie schick, ging in den Baumarkt und kaufte sich ein Exemplar des In-Grüns.
 

Als die Pflanze kurz darauf ihre schicken Blätter hängen ließ und drohte einzugehen, packte Remsky der Ehrgeiz. Zu lieb hatte sie ihre Monstera schon gewonnen. Eine Freundin riet ihr, sie zu trimmen, Pflanzenlampen zu besorgen. „Probier’s doch mal mit einer Sansevieria, einem Gummibaum, mit Balsamäpfeln oder mit Glücksfedern“, riet ihr die Freundin. „Das sind Anfängerpflanzen, die kann man auch mal einen Monat vergessen.“ Damit begann Remskys Shoppingtour.
1500 Euro hat sie ihre neue Leidenschaft seit August gekostet. Und ein paar Stunden Arbeit pro Woche. „Es ist weniger als man denkt“. Remsky lacht. „Ich weiß, es ist ein etwas nerdiges Hobby“, sagt sie. „Aber die Pflanzen haben mir geholfen, meine Depression in den Griff zu bekommen.“ Ihre Calathea-Sammlung hat sie besonders in ihr Herz geschlossen – „auch wenn es sich immer so anfühlt, als würde ich die anderen betrügen“, sagt sie. „Oh, Du kriegst ja wieder ein neues Blatt!“, ruft sie freudig, als sie ihre Calathea Makoyana vom Regal holt. Noch so eine Designpflanze.

Sie tauscht Ableger mit anderen Instagrammern

Im Regal finden sich auch Buchtitel wie „How to raise a plant and make it love you back“ oder „Wild at Home“. Heute geht Remsky kaum noch in den Baumarkt, wenn sie eine Pflanze sucht. Die allermeisten findet sie online. Oder sie tauscht Ableger ihrer Pflanzen mit anderen Instagrammern. Einen „Swap“ nennt man das in der Community. Dort erstellen die User sogenannte „Wish Lists“.
Inzwischen gibt es in Berlin Anlaufpunkte für Menschen wie Remsky: das Pflanzencafé „The Greens“ in der Alten Münze in Mitte. Oder die Pflanzenläden „Botanical Room“ in Kreuzberg und den „Plant Circle“ in Neukölln. Bei Monika Kalinowska, der Inhaberin vom Plant Circle, hat Remsky diverse Kurse besucht.
Darunter einen Keramik-Workshop, schließlich brauchen die Pflanzen ja auch Töpfe, oder einen zum Thema „Wie mache ich meine eigene Erde?“. Alles auf Englisch, denn Kalinowska stammt aus Polen und wie viele Hipster-Hypes ist auch diese Szene in Berlin international.

Quelle: https://www.tagesspiegel.de/berlin/instagrammerin-sarah-remsky-mit-zimmerpflanzen-gegen-depressionen/24188614.html

Freitag, 22. März 2019

Sahra Wagenknecht spricht über ihre Krankheit


Die aus Gesundheitsgründen ausscheidende Vorsitzende der Linken im Bundestag, Sahra Wagenknecht, führt ihre stressbedingte Erkrankung nicht allein auf die Kämpfe mit der Parteispitze um Katja Kipping und Bernd Riexinger zurück.
"Wir hatten Konflikte, das ist auch öffentlich bekannt. Aber ich finde, das jetzt nur darauf zurückzuführen, das wäre auch nicht richtig", sagte sie am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will". "Es war einfach insgesamt sehr, sehr viel. Und deswegen kam jetzt diese Entscheidung."
Wagenknecht führte ihre zwei Monate währende Erkrankung auf die enorme Belastung als Fraktionsvorsitzende zurück, vermied aber auch auf Nachfrage den Begriff "Burnout". Für die Benennung seien die Ärzte zuständig. Sie sagte aber: "Die Frage ist ja auch, wieviel bewegt man noch, wenn man innerlich immer ausgebrannter wird." Wer etwas bewegen wolle, müsse Luft holen können und Zeit haben zu lesen, Anregungen aufzunehmen, kreative Ideen zu entwickeln. "Ich möchte ja Menschen ansprechen, ich möchte ja Menschen gewinnen. Und wenn man sich innerlich leer fühlt, dann wird das immer schwerer."
Wagenknecht hatte vor einer Woche angekündigt, aus gesundheitlichen Gründen im Herbst nicht erneut für die Linken-Fraktionsspitze zu kandidieren. Sie sagte nun, sie rechne mit einem früheren Wechsel. Die Entscheidung darüber liege aber nicht bei ihr, sondern der Fraktion.
 

"Es wurde immer schlimmer": So erlebte Sven Hannawald den Burnout und das Karriere-Aus


Es war sei Abend: In der VOX-Erfolsshow "Ewige Helden" erzählte Ex-Skispringer Sven Hannawald (44) jetzt erstmals voller Emotionen, wie er seinen Burnout und sein Karriere-Aus damals erlebt.

"Dass bei mir etwas Größeres nicht stimmt, war mir am Anfang nicht bewusst. Ich habe gemerkt, dass ich eine gewissen Müdigkeit in mir trage, die ich auch nicht loswerde, wenn ich mich mal eine Woche rausnehme."
Irgendwann ging nichts mehr, Hannawald musste sich in Behandlung begeben. "Ich bin dann zu meinem Mannschaftsarzt gegangen und habe gesagt, wir müssen das checken. Ich habe alle Bluttests gemacht, die Organe hab ich testen lassen. Alles, was irgendwie ging. Das ist dann über anderthalb Jahre immer schlimmer geworden. Die Saison 2004 habe ich dann frühzeitig beendet."
Allein kam der Rekordspringer einfach nicht mehr aus seinem Tief.
"Das ist ein Kreislauf, der geht einfach nur nach unten und du weißt nicht, wo das her kommt. Eines nachts bin ich tränenüberströmt aufgewacht, habe geheult, ohne zu wissen, was los ist. Die Mutter meiner damaligen Freundin hat dann einen Termin gemacht bei einem Arzt für Psychosomatik und bei dem war ich dann auch. Der sagte mir dann innerhalb von einer halben Stunde, dass ich ein Burnout habe und er mir rät, so schnell wie möglich in eine Klinik zu gehen."

"Ich war natürlich dann ein körperliches Frack. Ich habe mich bei der Gesprächstherapie mal um meine Seele gekümmert. Das hatte ich immer weggedrückt. Da arbeitet man dann mit Therapeuten auch Themen auf, wie zum Beispiel, dass wir im Osten als Kinder relativ früh abgegeben wurden und ich mit sechs Monaten schon in die Kinderkrippe kam. Das hat mir auch nicht gut getan. Da lernst du dich von Grund auf neu kennen."
Heute weiß der gebürtige Erzgebirger, dass er mit dem Gang in die Klinik die wohl beste Entscheidung seines Lebens traf!
"Im Nachgang denke ich, dass der Klinikbesuch mir mein Leben gerettet hat. Wenn ich mich weiter in dem Trubel befunden hätte, wäre ich wahrscheinlich auch an den Punkt gekommen, dass ich nur noch einen Ausweg gefunden hätte.“ Es dauerte mehrere Jahre, bis Hannawald den Burnout hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen konnte.
Dann stand für den berühmten Sportler auch die Frage im Raum, ob er noch einem in den Skisprung-Zirkus zurückkehren will. Heimlich, ohne dass die Öffentlichkeit davon Wind bekam, fing er wieder an zu trainieren. Kurz vor einer Krafttrainingseinheit passierte es dann: "Ich hatte mich schon gefreut, dass ich eventuell wieder zurückkomme. Aber dann war da plötzlich doch wieder dieses unruhige Gefühl. Das war der Tag an dem gewusst habe, das war’s."
Hannawald ist heute zweifacher Papa, seit November 2016 glücklich mit der früheren Fußballerin Melissa Thiem (29) verheiratet. Neben dem Sieg bei der Vierschanzentournee in der Saison 2001/2002, holte er mit der Mannschaft Gold bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City und gewann die Skiflug-Weltmeisterschaft in Harrachov.
Mittlerweile ist der ehemalige Spitzensportler als Skisprungexperte im Fernsehen unterwegs und genießt sein Privatleben mit seiner kleinen Familie, die bald größer wird, denn Kind Nummer 3 ist aktuell unterwegs (TAG24 berichtete).

Quelle: https://www.tag24.de/nachrichten/breitenbrunn-vox-show-ewige-helden-sven-hannawald-emotionales-gestaendnis-1010114

Mittwoch, 27. Februar 2019

Sehnsucht nach Leben, Sehnsucht nach Tod


Die Sehnsucht nach Lebendigkeit und der Wunsch zu sterben liegen bei einem depressiven Menschen ganz nah beieinander, sagt die Fotografin Nora Klein. Sie hat zusammen mit Betroffenen Fotos gemacht, die von der Krankheit erzählen.
Ute Welty: Abgestorbene Bäume unten, blühende Zweige oben – dieses Bild hat Nora Klein fotografiert, und es ist zu sehen auf ihrem Band „Mal gut, mehr schlecht: Sensible Einsichten in die Innenwelten der Depression“. Zusammen mit anderen Künstlerinnen stellt Nora Klein derzeit in Berlin aus. Es geht darum, sich auch als Außenstehender ein Bild zu machen vom Leben mit einer Depression oder einer anderen psychischen Erkrankung. Guten Morgen, Frau Klein!
Nora Klein: Guten Morgen!
Welty: Dieses Bild, was ich eben beschrieben habe von den abgestorbenen Bäumen und den blühenden Zweigen, was erzählt das über das Wesen einer Depression?
Klein: Für mich fasst es eigentlich die Depression ziemlich gut zusammen, weil diese Menschen sehnen sich nach Lebendigkeit, also nach diesem blühenden Leben, aber trotzdem ist dieser Wunsch nach dem Tod oder diesem Sterben auch so groß. Beides existiert zur gleichen Zeit.

„Einblick gewährt in das Schlafzimmer“

Welty: Welche Motive haben Sie darüber hinaus wie ausgewählt?
Klein: Ich hatte verschiedene Weisen, mich dem Thema zu nähern. Mir war es wichtig, die Menschen zu zeigen. Also ich zeige die Menschen im Porträt. Sie hatten dabei die Wahl, entweder anonym dargestellt zu werden oder auch wirklich sichtbar gezeigt zu werden. Des Weiteren hatte ich die Möglichkeit, in ihre Rückzugsorte eintreten zu dürfen. Das heißt, einige Betroffene, mit denen ich gearbeitet habe, sie haben mir Einblick gewährt in das Schlafzimmer zum Beispiel, wo sie vom Bett nicht mehr aufstehen konnten oder die Tapete stundenlang angestarrt haben oder die Couch, auf der sie versackt sind und die Jalousien, die runtergezogen sind. Also bestimmte Bilder zeigen diese ganz konkreten Rückzugsorte, die diese Geschichten teilen mit den Betroffenen.
Dann gibt es aber noch eine weitere Ebene, und zwar habe ich nach Stimmungen gesucht, die die Depression zeigen. Also zum Beispiel Leere oder Schwere. Ich habe mir bestimmte Symptome rausgesucht und habe geschaut: wo sehe ich diese Leere zum Beispiel in meinem Alltag? Und diese assoziativen Bilder ergänzen diese konkreten Orte und Personen zu was Neuem. Es gibt noch eine andere Herangehensweise, und zwar …
Welty: Damit sind wir dann bei vier.
Klein: Genau! Dann habe ich den Betroffenen die Möglichkeit gegeben, ihre ganz eigene subjektive Perspektive noch mit zu involvieren. Und zwar habe ich sie gebeten, Dinge mit mir zu teilen, wenn sie mochten, die aus ihrer persönlichen Sicht die Depression zeigen. Sie haben mit mir Tagebucheinträge, Collagen, Fotografien oder gemalte Dinge, die während Therapien entstanden sind, geteilt. Diese findet man dann auch im Buch in so kleinen Ausziehpostern, die man sich auf ganz physische Art und Weise selber erarbeiten muss im Bildband.
Welty: Wenn wir mal bei Herangehensweise zwei und vier einhaken. Das sind ja schon sehr private Momente, die Sie da miteinander teilen, wobei ich auch eine praktische Frage habe. Wenn jemand nicht in der Lage ist, aufzustehen, wie sind Sie dann in die Wohnung und ins Schlafzimmer gekommen?
Klein: Mit allen Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, die waren schon stabilisiert auf eine gewisse Art und Weise. Also es war, glaube ich, zu ganz akuten Situationen überhaupt nicht möglich, mit solchen Menschen zu arbeiten, sondern ihnen ging es schon auf eine gewisse Art und Weise besser, und sie hatten überhaupt die Kraft, an so einem Projekt teilzunehmen.
Welty: Und wenn ich dann noch mal bei eins und drei einhake, bei den Motiven und den Stimmungen: Wie weicht man der Versuchung aus, dass diese Bilder, die man findet, die Symbole, die man findet für die Depression, zu sehr eins zu eins sind, zu sehr vereinfachen und vielleicht auch zu platt?
Klein: Ich habe einfach erst mal ganz viel fotografisch gesammelt. Also vielleicht auch noch interessant zu wissen: Also mit allen Menschen, die sich entschieden hatten, mit mir zu arbeiten, habe ich erst mal ganz, ganz lange Gespräche geführt, über viele Stunden, wo sie mir aus ihrer Sicht die Depression gezeigt haben, mich haben Einblick gewähren lassen in ihre Gefühls- und Gedankenwelt. Aufgrund dieser Gespräche ist dann für mich auch ein Bild entstanden, wie man das in fotografische Bilder transportieren kann.

„Ich habe einfach wertfrei zugehört“

Welty: Haben Sie bei diesen Gesprächen auch sowas wie Hoffnung gespürt? Wenn ich jetzt darüber erzähle, geht es mir besser? Waren Sie ein Stück Therapie?
Klein: Ich glaube, für die Menschen war es gut, dass sie erzählen konnten, ohne dass ein bestimmter Zweck verfolgt wurde. Ich war nicht der Arzt, der ein bestimmtes Therapieziel vor Augen hat. Ich war nicht ein Angehöriger, der will, dass es ihm besser geht, sondern ich habe einfach wertfrei zugehört. Das haben mir viele zurückgemeldet, dass ihnen das sehr, sehr guttut.
Welty: Umgekehrt wird Ihr Buch inzwischen ja auch von Therapeuten und Therapeutinnen eingesetzt. Was genau passiert dann damit?
Klein: Also es gibt die Möglichkeit, dass Therapeuten das Buch als Kommunikationsmittel nutzen können. Das heißt, ganz oft fällt es ja Betroffenen schwer, auch in Worte zu fassen, was sie selber denken und fühlen, und dann kann dieses Buch eine Grundlage dafür sein, wenn der Klient mit dem Therapeuten durch das Buch schaut, zu beschreiben, wie es ihm selbst geht, aufgrund dieses Betrachten des Bildes besser in Worte fassen kann, was und wie es ihm geht.
Welty: Wann und warum haben Sie begonnen, sich mit dem Thema Depression künstlerisch auseinanderzusetzen?
Klein: Das ist jetzt wirklich schon einige Jahre her. Also 2013 habe ich damit begonnen, mich dem Thema zuzuwenden. Mein Vater, der ist Psychologe, ich glaube, daher habe ich so eine Grundmotivation, mich mit psychischen Themen auseinanderzusetzen. Ich finde es unglaublich spannend, was in uns abläuft, wie wir von unserer Psyche geprägt werden, ohne dass wir es wirklich so wahrnehmen können oder uns erklären können.
Ich hatte aber natürlich auch Menschen in meinem Bekanntenkreis, die daran erkrankt sind, und konnte mir ganz schwer vorstellen, wie es ist, sich in solch einer Welt zu befinden und was man denkt und was man fühlt. Also es war für mich so eine Motivation, dem nachzugehen und es für mich transparenter zu machen und dann natürlich, wenn möglich, auch für andere.
Welty: Fotografin Nora Klein stellt ihre Bilder über Depression zurzeit in Berlin aus. Darüber haben wir hier in „Studio 9“ gesprochen. Dafür danke ich!
Klein: Danke Ihnen!
Welty: Und zu sehen ist die Ausstellung über das Leben mit psychischen Erkrankungen unter dem Titel „Crazy“ im F3 – Freiraum für Fotografie noch bis zum 21. April.

Quelle: https://www.deutschlandfunkkultur.de/fotografin-nora-klein-ueber-depression-sehnsucht-nach-leben.1008.de.html?dram:article_id=441271

Wo Kinder am häufigsten unter Depression und Schulangst leiden


Eine Depression ist eine ernste psychische Erkrankung – auch Kinder und Jugendliche können darunter leiden. Wo sind sie am ehesten betroffen? Das hat eine Krankenkasse ermittelt.
Kinder und Jugendliche in Berlin werden laut einer Krankenkassenuntersuchung überdurchschnittlich häufig wegen Depression und Schulangst behandelt. Mit 12,5 Fällen diagnostizierter Depression pro 1.000 minderjährige Berliner liegt der Wert 28 Prozent höher als im Bundesschnitt und zehn Prozent höher als in anderen Großstädten. Das geht aus dem ersten Kinder- und Jugendreport der DAK-Gesundheit für die Hauptstadt hervor.

44 von 1.000 Schülern haben Schulangst

Bei Schulangst mit rund 44 Fällen pro 1.000 sei der Berliner Wert um knapp ein Viertel im Vergleich zum Bundesschnitt erhöht, schreiben die Autoren der Universität Bielefeld. Ein möglicher Grund für das häufigere Vorkommen solcher Diagnosen in Berlin könnten die vorhandenen Versorgungsstrukturen sein, heißt es auf Anfrage bei der Kasse. Näheres müssten die geplanten Folgeuntersuchungen zeigen.

Der nach DAK-Angaben repräsentative Report basiert auf Abrechnungsdaten von mehr als 26.000 DAK-versicherten Minderjährigen in Berlin aus dem Jahr 2016. Bundesweit ließ die Kasse Daten von knapp 590.000 Kindern auswerten.

Quelle: https://www.t-online.de/gesundheit/kindergesundheit/id_85275956/dak-report-depression-haeufiger-bei-kindern-in-berlin.html

Burnout im Kinderzimmer


 
Ende September in der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee: Auf der Station für Jugendliche mit psychosomatischen Erkrankungen soll Lenya lernen, in Stress-Situation ruhig zu atmen. Seit fünf Monaten ist die 16-Jährige hier in der Klinik. Vielen Betroffenen fällt es nicht leicht, offen über ihre Erkrankung zu reden, doch Lenya findet es wichtig zu erzählen, warum sie damals mit elf Jahren krank geworden ist.

Leistungsdruck in der Schule und in der Freizeit

Stress war einer der Auslöser. "Immer gute Leistungen bringen, eine gute Schülerin sein, gut in seinen Hobbies sein. Einfach der Druck, der entsteht, dass es einfach irgendwann zu viel wird", sagt Lenya.
Zu hoher Leistungsdruck – mit diesem Problem ist Lenya nicht alleine. Vier von zehn Schülerinnen und Schülern fühlen sich oft bis sehr oft gestresst, wie jüngst eine Studie der Krankenkasse DAK ergab. Bemerkbar macht sich der Stress bei den Betroffen häufig durch körperliche Beschwerden: Sie leiden überdurchschnittlich oft an Kopfschmerzen, Bauchschmerzen, Rückenschmerzen und Schlafstörungen.

Erschöpfung als Folge von Stress

Am häufigsten führt Stress zu Erschöpfung, so wie bei Lenya. In ihrem früheren Leben waren ihr Noten sehr wichtig, weil sie unbedingt Ärztin werde wollte und dafür einen Schnitt von 1,0 braucht. Neben der Schule sang sie im Chor, machte Sport. Und aß immer weniger, denn der Druck wurde ihr irgendwann zu viel: "So viel, dass ich mich aus allem herausgenommen habe: aus meinen Hobbies, aus der Schule, aus meinem bis dahin aufgebauten leben. Weil ich mich einfach nur noch abgeschottet habe. Dann ging gar nichts mehr."

Diagnose Burnout

Lenya war ausgebrannt, erschöpft. Burnout würden viele sagen. Doch Burnout ist keine Diagnose im medizinischen Sinn. Meist stehen dahinter psychische Erkrankungen wie Erschöpfungsdepressionen, manchmal auch in Verbindung mit anderen Krankheiten wie Essstörungen oder Panikattacken. Mit dem Begriff Burnout können viele Menschen aber mehr anfangen.
Deshalb hat der Hamburger Kinderpsychiater Michael Schulte-Markwort den Titel seines Buches "Burnout-Kids" genau so gewählt. Er will auf die Brisanz des Themas aufmerksam machen: "Inzwischen ist es schon so, dass ich Grundschüler aus vierten Klassen sehe, die sagen, wenn ich den Übergang ins Gymnasium nicht schaffe, dann ist mein Leben gelaufen."

Lange Wartezeiten für Kinder und Jugendliche

Das Problem ist so groß, dass sie auf Schulte-Markworts Station der Uni-Klinik Hamburg-Eppendorf lange Wartelisten haben: Im Durchschnitt etwa sechs Monate müssen Kinder und Jugendliche dort auf einen stationären Therapieplatz warten. Auch in der in der Schön Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee gibt es Wartelisten, wenn auch weniger lange.
Wie hoch die Wartezeiten im bundesweiten Durchschnitt für stationäre Therapieplätze sind, ist unklar. Bei den zuständigen Ministerien und Stellen gibt es keine entsprechenden Zahlen. Man verweist uns an die Psychotherapeutenkammer. Dort heißt es, es dauere 17,8 Wochen bis Kinder und Jugendliche eine ambulante Behandlung beginnen können.

Krankheit birgt Lebensgefahr

Seit 30 Jahren arbeitet Schulte-Markwort schon als Kinderpsychiater. Seiner Meinung nach sind nicht die Kinder schwieriger geworden, sondern die äußeren Bedingungen. Kinder würden heute mit einem durchökonomisierten Prinzip aufwachsen. "Es geht immer nur um Wert und Gegenwert und immer darum, dass mehr Leistung erbracht werden muss." Oft gehen Suizidgedanken mit einer Depression einher und machen die Krankheit damit lebensgefährlich. Laut Schätzungen sind zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen, das entspricht über einer Million in ganz Deutschland.

Die Lebensfreude kommt wieder

Doch nur ein Teil der Betroffenen ist in Behandlung. Auch weil viele nicht wissen, was mit ihnen los ist. So ging es auch Lenya am Anfang. Erst durch Therapie und Klinikaufenthalt begann sie, die Krankheit zu verstehen und sich selbst zu akzeptieren – auch ohne immer Bestleistung zu erbringen.
Ein einfacher Weg ist das nicht: Das Politik-Magazin Kontrovers begleitete sie fast ein halbes Jahr bei ihrem Klinik-Aufenthalt und Kampf gegen die Krankheit. Erst beim letzten Treffen im Februar ist nun ein Ende in Sicht, und Lenya blickt wieder positiv in die Zukunft: "Zu merken, dass es bergauf geht und ich meine Lebensfreude wiedergewinne, das ist echt schön!"

Quelle: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/burn-out-im-kinderzimmer,RIYiTNj